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»Beyond Istanbul. Underground Grooves Of Turkey«

Text: Martin Büsser, Martin Büsser

Die Zukunft der Popmusik wird sich nicht in den USA und auch nicht in Großbritannien abspielen. Dies ist keine Verschwörungstheorie. Gemeint sind auch keine antiimperialistischen Gemeinplätze, und erst recht soll hier nicht von irgendeinem „Kampf der Kulturen“ die Rede sein. Die Rede ist überhaupt nicht von Nationen oder Politik, sondern alleine von Musik. Während nämlich die „alte“ Rock- und Pop-Welt seit geraumer Zeit nur noch wie eine Tretmühle funktioniert, in der das Immergleiche durchgewunken wird und die Innovations-Floskeln angesichts von Bands wie den Arctic Monkeys nach auswendig gelernten Lippenbekenntnissen klingen, brodelt es längst an den – vermeintlichen – Rändern.

Wer Orte sucht, an denen Rock, Pop, HipHop und Elektronik derzeit Verformungen unterworfen sind, die diesen Musiken etwas völlig Ungehörtes hinzufügen, wird vor allem in jenen Kontinenten und Ländern fündig, die bislang als popkulturelle Peripherie galten – in Afrika, Lateinamerika, Osteuropa, im Nahen Osten und in Asien. Dreh- und Angelpunkt dieser Entwicklung ist schon lange das den Westen und Osten verzahnende Istanbul. Hier durchdringen sich die unterschiedlichsten Formen von Folklore – Rock, Pop und Techno als „Folklore des Westens“ inbegriffen –, ohne dass man bei dieser Musik das unangenehme Gefühl hat, sich auf einem Weltmusik-Basar zu befinden, wo Rezzo Schlauch und Wolfgang Thierse einander zu flammenden Rhythmen an den Händen fassen. Der von DJ Ipek zusammengestellte Sampler mit 16 Beispielen zeitgenössischer „Oriental Electronics“ macht bis auf ganz wenige Ausnahmen deutlich, dass den heutigen Ansätzen von Fusion aus unterschiedlichen kulturellen Einflüssen längst nicht mehr der Ruch einer Weltmusik anhaftet, die all die Jahre oft mit positiv konnotiertem Rassismus daherkam. Hier geht es nicht um Reduzierung musikalischer Tradition auf Klischees, sondern um transkulturelle Vermengungen, die mit Tradition ihrerseits völlig unorthodox, also nicht-essenzialistisch umgehen. Auf ähnliche Weise, das sollte man sich stets ins Gedächtnis rufen, ist einst auch der Rock’n’Roll entstanden, nämlich als ein Hybride aus R’n’B und Hillbilly, weshalb es immer wieder bizarr ist, in Kritiken von „echtem“ oder „reinem“ Rock’n’Roll zu lesen. Die Musik auf „Beyond Istanbul“ macht deutlich, dass es auch dem Westen gut anstehen würde, auf musikalische Essenzialismen zu verzichten. US-amerikanische Bands wie The Charming Hostess oder das Black Ox Orkestar mit ihrem Mix aus jüdischer und fernöstlicher Folklore, Country und Bluegrass beherzigen dies längst. Sie stellen sich jener globalisierten Phase der Geschichte, vor der die Hüter des Retro-Rocks noch immer Angst zu haben scheinen.



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aus Intro #141 (August 2006)
 
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