Slayer
»Christ Illusion«
Text:
linus volkmann,
linus volkmann
Prügel-Metal, Thrash-Metal, Voll-Brett – was geht? Nun, alles und nichts mehr – könnte man schreiben, wäre man bereit, eine berechtigte Rüge von der Aphorismus-Behörde zu kassieren. Zur Sache: „Christ Illusion“ darf mit Fug und Recht als durchaus archetypisch für den Status quo der Heavy-Szene bezeichnet werden. Denn in kaum einem Genre finden sich noch derart viele alte Helden, in kaum einer Musikrichtung ist der Kanon so dringlich verknappt worden. Alle, aber wirklich alle Ausdifferenzierungen in den Neunzigern (hin zu Prog, hin zu Industrial, hin zu Crossover oder letztens noch hin zu Nu Metal), alle haben sich 2006 selbst überholt. Die jungen Kuttenfans von einst sind mit ihren Ikonen gealtert, mitunter fett und/oder Mitarbeiter bzw. Leser beim Rock Hard – und haben keinen Bock mehr auf Umwege und Neufindungsprozesse. Der Regress ist endlich offenes Leitbild. Willst du was gelten, klinge so wie 1986 (da waren ja die Mods toleranter). Bei vielen Bands zeigt aber auch dieses letzte Zugeständnis an die Vergangenheit nur, wie unwiederholbar Momente eben sind. Helloween und Queensryche waren sich nicht mal zu gut dafür, ihre größten Erfolge als Sequels auszuschlachten. Schließlich wollten die Fans auf den Konzerten ja eh immer nur „Keepers“ bzw. „Mindcrime“ hören. Daran änderten allerdings auch die Fortsetzungen nichts.
Tja, und nun auch noch mal Hut ab vor Slayer: Bei denen hostete Rick Rubin die Produktion, und Dave Lombardo saß nach sechzehnjähriger Abstinenz wieder hinter den Double-Bass-Drums. Und das Ergebnis klingt in Härte, Speed, Songwriting, Style und Sound wirklich wie der Zwilling von „Reign In Blood“. Das ist einerseits faszinierend, andererseits auch irgendwie gruselig. Und nicht so produktiv-gruselig, wie man einst „Angel Of Death“ empfand, mehr so Fingerübung-gruselig. Als mir letztens ein Senior im Fitnessstudio erzählte, dass er heute mehr Liegestütze schaffen würde denn als junger Mann, fand ich das respektabel. Die Slayer-Platte ist ebendies. Nur ähnlich wie die Liegestütze des Großvaters möchte man sie sich vielleicht doch nicht zu Hause zumuten. Sorry, aber so viel (vermeintlich vom Publikum verlangtes) Selbstzitat stürzt doch in Depressionen. Da war „God Hates Us All“ kurz nach dem 11.09. und mit ihrem kalten Industrial-Klang zuletzt doch die bessere Idee.
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