Michael Franti & Spearhead
»Yell Fire«
[& I Know I’m Not Alone / VÖ: 21.07.2006 ]
Text:
Christian Steinbrink,
Christian Steinbrink
Es gibt nicht wenige, die Michael Franti aus seiner Zeit mit Spearhead als HipHop-Künstler aus dem Kontext des Native-Tongue-Subgenres in Erinnerung haben. Zum Beispiel ich. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber, dass er viel mehr als das ist: Er ist ein politischer Aktivist, eine schillernde Figur der Popkultur seit den späten Achtzigern, ein Brückenbauer, der vom Punk über den HipHop zum Reggae kam, ein Gläubiger, ein Spiritist, ein Gutmensch, ein Hippie. Er ist ein Mann mit überragendem Charisma, ein Riese mit Dreadlocks und afrikanischen Gewändern, ein Prediger und, wohl seine beste Eigenschaft, er ist ein Macher. Musikalisch schiffte er in den letzten Jahren geradewegs in Richtung Bedeutungslosigkeit, seine Platten schafften es trotz bemerkenswerter lyrischer Explizität nicht mehr, aus dem Haifischbecken der Ambitionslosigkeit der surfenden und chillenden Kiffergeneration „Jack Johnson“ zu entsteigen. Zumal er mit seinen Texten die ewig gleiche Mär der Friedensbewegung ab John Lennon nicht mehr spannend zu variieren wusste.
So stellt sich auch sein neues Album „Yell Fire“ dar: Mit seinem musikalischen Mix aus Reggae, HipHop, Funk und akustischen Gitarren wird er kaum mehr als die Nachmittage blond gelockter Jungs mit freiem Oberkörper am Strand beschallen. Denn er ist, wenn man mal von den Textmengen absieht, einfach zu klischeehaft und stromlinienförmig umgesetzt.
Aber wie gesagt: Franti ist ein Macher, geradezu unermüdlich. Daher reichte es ihm nicht, von seinem Pool in San Francisco aus den Stand der Dinge zu geißeln. Stattdessen reiste er scheinbar unbekümmert mitten ins Krisengebiet des mittleren Ostens. Im Gepäck dabei: seine Akustikgitarre, eine Hand voll Mitarbeiter und zwei Handycams. Herausgekommen ist der Film „I Know I’m Not Alone“, und neben vielem anderen macht er deutlich, dass Franti weit mehr kann, als den Traum der Hippies weiterzuleben. Er wollte das Leben der Menschen in den niedergebombten Stadtteilen von Bagdad und in den Flüchtlingslagern in der West Bank kennen lernen, und mit Hilfe von einheimischen Mittelsmännern und seiner offenen und anschlussfähigen Art gelang ihm das auch. Und ohne dass er oder seine Helfer ausgebildete Filmemacher wären, schuf er innerhalb der 75 Minuten einige wirklich ergreifende Momente. Etwa, wenn er mit den Kindern der Gegend ein kleines Lied singt, dessen Text aus nur einem Wort besteht: „Habibi“, übersetzt so etwas wie „bester Freund“. Und nicht nur das, er spielt sogar für GIs, er hört ihnen zu und hält sich mit Schuldzuweisungen wohltuend zurück. Er unterhält sich wissend und interessiert mit Künstlern, Arbeitern, Ärzten und Kindern und fängt dabei ungemein viel von den Stimmungen, dem Frust und den Hoffnungen dieser Leute ein. „I Know ...“ ist ein toller Film mit Frantis in diesem Zusammenhang sehr wirksamen Musik, der nicht umsonst bei unzähligen Filmfestivals ausgezeichnet wurde. Und wenn diese Dokumentation schon nicht in die Kinos kommen sollte, wäre sie zumindest für den „Weltspiegel“ eine absolute Zierde.
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