Kieran Hebden & Steve Reid
Exchange Session Vol. 2
25.06.2006, 10:55, Text:
Stefan Kesselhut
Wie nähert man sich einer scheinbar sperrigen Platte, ohne gleich einen Zoo der Plattitüden eröffnen zu müssen. Wie nähert man sich vor allem solch einer Platte wie dieser hier? Um das zu beantworten, müsste man ja erst einmal wissen, was es ist. Und schon daran scheitert es. 53 Minuten kollaborative Improvisation zweier Typen. Die scheinbar ohne jedes Konzept versuchen, ihr meisterhaftes Geschick an den jeweiligen Instrumenten zu einer monströsen Klangcollage zu vereinen. Aufgenommen ohne jede Postproduktion, ohne jede Nachverschönerung in den Exchange Studios in Camden/London.
Steve Reid (Drummer gewesen u.a. bei Miles Davis und James Brown) und Kieran Hebden (Four Tet) türmen in dieser Platte so große Klangebäude auf, man hat direkt Angst, dass die nach 20 Minuten einfach in einem riesigen Knall zusammenstürzen und verpuffen. "Exchange Session Vol. 2" kann aber sehr viel mehr, als nur groben Lärm und undurchdringliche Impro-Frickelei abzusondern. Einzig beschränkt von der maximalen Kapazität einer Compact Disc wandern Reid und Hebden in den drei Tracks (die natürlich keine Tracks im klassischen Verständnis mehr sind) in ihnen wahrscheinlich selbst unbekannten Bergen voller luftiger, fluffiger Sounds herum. Hier schlagen Synthesizer ihre Haken noch in freier Wildbahn, hier werden die Laptops noch in der größten Ruhe ausgepresst.
Das ist natürlich stressig und an den ganz steilen, schweren Passagen pocht der Herzschlag schneller, immer schneller. Schlägt beinahe durch die Brust durch. Da fliegt es einem dann nur so um die Ohren. Snare-Base-Sample-Base-Snare-Sample. Immergrüne, weitläufige Täler schieben sich zwischen uns und dem, was wir für die Besteigung des Gipfels halten. Hier kann man jetzt auch mal durchatmen und alles nochmal schön durchreflektieren. Das ist nämlich das wunderbare und sowieso allerbeste an dieser Platte: Man wird nicht von aberwitzigen Soundkonstrukten niedergehämmert, nein, man kann sich zwischendurch auch mal ein bisschen Zeit nehmen und sich die Landschaft angucken, wie sie gerade in einzelne Atome zerspalten wird. An klassischen popmusikalischen Gestaltungsmitteln wie Melodie und Refrain kann man sich hier nicht entlanghangeln. Es ist viel eher wie in einem Buch von Thomas Bernhard: Schwere, lange idiosynkratische Megasätze, von denen man sich zunächst nichts als verarscht fühlt. Hat man aber einmal den Rhythmus verstanden, na das ist eine Heidenfreude, ein kunterbuntes Mustersuchen im scheinbar undurchdringlichen.
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