BEWERTEN
 

Mia.

»Zirkus«

Text: Helmar Becker

“Weißt du, Nina Hagen konnte man diese Exzentrik immer auch abnehmen. Aber wenn Mia da jetzt auf Manege und Zirkus machen, ist das halt total konstruiert. So à la: ‘Was können wir denn jetzt noch mal Verrücktes bringen?’” meckert Jens Friebe in seine achtzehnte Weißweinschorle (Quelle: Kneipen-Gedächtnis-Protokoll). Unrecht hat er natürlich nicht. Mia sind Zeit ihres Bestehens immer mit dem Faktor Rummel angetreten. Es wurden sich aufgeladene Themen gepickt, und es ging dann volles Brett auf (vermeintliche) Tabubrüche. Ihr berüchtigter Pop-Patriotismus mit diesem obszön geschichtslosen Bild des deutschen Neuanfangs, ich mache frische Spuren im weißen Sand”, brachte zwar Steine, Hass und Konzertabsagen seitens der (Pop-) Linken ein, affirmierte aber nur einen regressiven Commonsense, der gesamtgesellschaftlich absolut kein Tabu darstellt.

Selbst wenn Ingo Mocek im neon herbeihalluzinierte, das alles sei medial an der Band vorbeikonstruiert worden, bleibt diese Provo-Nummer mehr als eine düstere Legende und nahm jene Deutschlandflaggen-Ästhetik vorweg (Beweis gegen Verschwörungstheorie Mocek: siehe z. B. das Video zu “Hungriges Herz”), die jetzt während der WM eine ekelhafte Brandung feiert. Aber neben diesem ewigen Aufreger-Peak gab es auch kleinere Hingucker wie zum Beispiel auf der letzten Platte den Song, der über Altern in der eben nicht ewigen Adoleszenz referierte (“Sonne”). Was in Bezug auf den Pop-Imperativ Jugend auch schon mal mehr schockte als das gefällige Befindlichkeits-Nichts der Mia-Kollegen Juli und Silbermond. Ebenso wie das halb alberne Commitment zu “Ökostrom” auf derselben Platte. So viel Einleitung hätte es gar nicht gebraucht? Nun, Mia sind eben eine Band, bei der Meinungen, Haltungen, Zuneigungen und Hass kulminieren. Da muss man schon etwas ausholen – denn das Konfliktpotenzial ist einfach so immens, dass man zumindest nicht auch noch falsch verstanden werden möchte. Hier aber jetzt die längst fällige Überleitung zum aktuellen Album:

“Zirkus”, Gaukler, Clowns, Tiere, Sensationen. Überzeichnete Codes einer eigentlich untergegangenen Opa-Hedonismus-Kultur. “Stars in der Manege”, das läuft doch nur noch im Öffentlich-Rechtlichen, um die Alten in Sicherheit zu wiegen. Aber wenn man Gaukler-mäßig in der jüngsten Pop-Vergangenheit schaut, stößt man auch schnell auf Blumfelds “Jenseits von jedem” und dessen zig-strophiges Titelstück, das vom bunten Marktplatz mit Drachen, Karussells, Drahtseilen und eben Gauklern fabuliert. Das hatte seinerzeit ja auch nicht wenig Ratlosigkeit hinterlassen. Bei Mia findet sich das Thema natürlich in einem weniger deutungsbesessenen Kosmos wieder. Es ist viel mehr eine cool uncoole Staffage, vor der aber auch eben erneut Popsongs abgefeuert werden, die einem die anderen Penner vergleichbaren Segments halt nie schreiben. Weil sie ihnen nämlich nicht einfallen und weil sie das eh nicht hinkriegen, also das mit dem Catch und dem Überkandidelten und der seltsam aufregenden Kälte. Mia sind nicht Kuschel-Kuschel, sondern stets spröde und unheimlich. Und wenn man sich darauf einlässt, kann man nicht anders, als zu attestieren, dass hier großer Pop-Pomp liegt. Pop-Pomp, dessen Refrains gleichsam mitreißend und verstörend wirken. In “Floss” heißt es beispielsweise “Wär’ deine Liebe ein Boot, ich würde sinken”. Klingt einfach, ist aber der Wahnsinn. Tja, so schlechte Laune, wie ich bekomme, wenn ich aus dem Fenster sehe und auf die scheiß Deutschlandfahne glotzen muss, die mein Nachbar rausgehängt hat, so gut drauf komme ich bei dieser Platte. Okay, versprochen, wenn die Schizophrenie noch stärker wird, gehe ich mal zum Arzt. Bis dahin aber höre ich gern diese Songs.



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