BEWERTEN
 

Nicole Willis And The Soul Investigators

»Keep Reachin Up«

Text: Lars Bulnheim, Lars Bulnheim

Retro-Bands sind ja immer so eine Sache: Mit ihrer “Früher war alles besser”-Attitüde gehen sie jenen auf die Nerven, die in der Musik nicht nur den schönen Moment, sondern auch die Geschichte, die Entwicklung sehen. Stillstand heißt das Schreckgespenst. Aber ihr wisst ja, was Oscar Wildes Lady Windermere auf die Beschuldigung, altbacken zu sein, antwortete: “Sie halten mich für rückständig. Bitte, das bin ich! Und es wäre mir peinlich, wenn ich auf demselben Niveau wäre mit einer Zeit wie dieser.”
Und da wären wir schon bei Nicole Willis, die ihren Weg durch zeitgemäße Tanzmusik bereits gegangen ist.

Die gebürtige New Yorkerin begann bei den Brand New Heavies, war Gründungsmitglied von Deee-Lite und veröffentlichte auf James Lavelles Mo’Wax-Label. Der Vintage-Soul-Sound ist nun mal ein janusköpfiges Ding. Im schlimmsten Fall muss man die Blues Brothers oder The Commitments über sich ergehen lassen, im besten Fall Sharon Jones oder eben Nicole Willis. Es ist dieser untrügliche Northern-Soul-feel-good-Backbeat, der die Singleauskopplung “If This Ain’t Love” auf Platz #4 der finnischen Charts hievte, oder der Opener “Feeling Free”, der mit dem Zaunpfahl auf die Tanzfläche weist. Ansonsten beherrschen die Soul Investigators diesen warmen, angenehmen Funk-Sound, der, getragen von den Gänsehaut-erzeugenden Streicherarrangements Pekka Kuusistos und den von Ehemann Jimi Tenor platzierten Bläsern, einen selbst im finnischen Winter das Hemd noch einen Knopf weiter aufmachen lässt. Hätte ich ein Karmann-Ghia-Cabrio, würde ich es jetzt aus der Garage holen, die CD – äh pardon, das Tape – einlegen und ein bisschen vor der Eisdiele “La Casa” rumcruisen. Und wenn Oscar Wilde bereits 1892 eine leider wohl ewige Wahrheit formulierte, hat der klassische Soul-Sound musikalisch (ohne “leider”) dasselbe in den 60s getan. Ganz vorne ist man damit nicht, aber glücklicher – in einer Zeit wie dieser.



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