BEWERTEN
 

Guts Pie Earshot

»Chapter Two Volume One«

Text: Martin Büsser, Martin Büsser

Wer Anfang der Neunziger Teil der Hardcore-Szene war, kam an dieser Band nicht vorbei. Unermüdlich spielten sie in jedem autonomen Jugendzentrum und waren dabei so etwas wie das gute Gewissen der Szene, nämlich nicht nur politisch korrekt, sondern auch musikalisch progressiv. Hardcore mit Cello! Böse Zungen könnten darin den Beweis sehen, dass es sich bei Hardcore in Deutschland immer schon um eine bürgerliche Bewegung mit hohem Abi-Quotienten gehandelt hat. Von wegen “street” – Musikschule galore! Andererseits waren Guts Pie Earshot damit aber auch ein wunderbares Beispiel, wenn es darum ging, die Szene vor Verkrustung und dem Dosenbier-Punk- oder Hatecore-Dogma in Schutz zu nehmen.

Von “intelligentem” Hardcore war dann die Rede, wobei die Kategorie der “Intelligenz” als Abgrenzungsstrategie ihrerseits bildungsbürgerlichen Dünkel durchschimmern ließ. Inzwischen zu einem Duo geschrumpft, reduziert auf Schlagzeug und Cello, haben Guts Pie Earshot weder ihre Vorliebe für eigenwilligen Klassik-Core-Crossover, aber zum Glück auch nicht ihre Emo-Power verloren. Ungestüm sind sie geblieben, auch wenn das heute natürlich nicht mehr das einstige Gefühl von Aufbruchsstimmung und szeneinternem Kulturkampf vermittelt. An der einen oder anderen Stelle ließen sich die Nummern auf “Chapter Two” kritisieren, nämlich dort, wo sie die Tendenz zur Spielmannsleute-Musik aufweisen, deren Artistik vom Mittelalter-Rollenspiel nicht weit entfernt ist, doch auch das wird immer wieder gerettet. An der Wichtigkeit des Ansatzes – die Szene nannte ihn einst “undogmatisch” und gestand sich so insgeheim den eigenen Hang zum Dogma ein – gibt es allemal nichts zu rütteln.



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