BEWERTEN
 

Metric

»Live It Out«

[& Old World Underground, Where Are You Now? / VÖ: 05.05.2006 ]

Text: Sebastian Ingenhoff, Sebastian Ingenhoff

Das Tolle an Toronto ist ja nicht nur, dass diese Stadt in den letzten Jahren so viele wichtige Gitarrenbands hervorgebracht (u. a. Broken Social Scene, Stars, Jason Collett) und Elektronikkünstler (u. a. Peaches, Mocky, Gonzales) nach Berlin verschoben hat, sondern dass die verschiedenen Künstler im jeweiligen Segment auch noch miteinander befreundet sind und stetig miteinander kollaborieren. Im erwähnten zweiten Bereich ist dies evident, da gab es ja mal eine Punkband namens The Shit, in der alle Beteiligten zu Hause waren, und auch in den genannten Rockband-AGs werden die Angestellten fleißig herumgetauscht.

So lieh Metric-Sängerin Emily Haines bereits der letzten Broken-Social-Scene-Platte ihre Stimme und arbeitete auch an Jason Colletts Album “Idols Of Exile” mit. Der wiederum auch Mitglied bei Broken Social Scene ist. Die Stars stellten Verpflegung und Studioräume für die Produktion des neuen Metric-Albums “Live It Out” zur Verfügung, welches bisher nur als Import erhältlich war und nun mit Lado endlich auch einen deutschen Vertrieb gefunden hat. 2002 hatten sie ja mit “Dead Disco” bereits einen kleinen Hit, der noch deutlich mehr auf Tanzbarkeit angelegt war als das hier vorliegende Album. Die dazugehörige Debütplatte “Old World Underground, Where Are You Now?” wird übrigens gerade wieder veröffentlicht, wobei natürlich besonders das Wortspiel in der ersten Hälfte des Satzes ganz witzig ist. Abgesehen von der erwähnten Single ist das schöner, relativ unaufgeregter Indierock, der für dieses Genre recht gerade produziert ist. “Live It Out” hingegen, das neue Album, liefert eine Art von Power Pop, die immer eine Mischung aus Lush zu “Lovelife”-Zeiten und Tobsucht sein möchte. Tobsucht im Sinne von Team Dresch, meinetwegen auch den Yeah Yeah Yeahs. Dazu deklamiert, brüllt und flötet Emily Haines so fein filetierte Textzeilen wie “I feel just like a baby portraied by a lady” mit ihrer goldigen Cerry-Matthews-(Catatonia-)Stimme, dass man sich fast schon fragt: Wieso gefällt mir das, ist das nicht gar zu offenkundig süß? Nein, ist es eben nicht. Weil hier nicht geschmollt, kokettiert oder Beinkleid gezeigt, sondern einfach nur erzählt wird. Mal resignativ (“I Fought The War But The War Won”), dann wieder angenehm nörglerisch (“Patriarch On A Vespa”), aber immer so, dass man nicht drum herumkommt, mitzunörgeln, auch zu resignieren, zu toben. Was diese Band allerdings dazu veranlasst hat, die Rolling Stones auf deren letzten Tour als Support zu begleiten, das wissen wirklich nur die Seher. Ich bete zu Gott, dass Jagger sich “Patriarch On A Vespa” anhören musste. Fünfzehn Mal am Tag. Und danach aus lauter Frust sein eigenes Antiquariat endlich mal dichtgemacht hat.



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