BEWERTEN
 

Mediengruppe Telekommander

»Näher Am Menschen«

Text: Alexander Lazarek, Alexander Lazarek
[5 Kommentare]

“Bild Dir Deine Meinung”, kräht die Mediengruppe. Und da gehen die Fragen schon los: Was kann das bedeuten, wenn eine Band diesen Slogan, der schon abgefrühstückt war, bevor das “Wir sind Papst”-Blatt damit nervte, noch toter reitet und in den Strophen zwischen dem penetranten “Bild, bild, bild, bild dir deine Meinung!”-Refrain die Gerüchte über die eigene Band (Groupies, Drogen, “klingen ja wie die deutschen Beastie Boys”) über Beats und museale Ravesounds brüllt? Wird da Werbung, die man sonst panisch wegzappt, imitiert oder parodiert, und wozu eigentlich? Warum schockt der routiniert-hysterische Flow gerade noch so viel wie ein Che-Shirt? Der rebellische Gestus bleibt mit seinem braven Sloganizing (“Wer hat hier gekleckert auf die bunten Seiten des Lebens?”), geliehenen Headlines (“Mein Herz ist schwarz wie deine Coca-Cola – You can’t beat the feeling”) und Phrasen von vor fünf Jahren (“Das Leben ist eine Baustelle – and so are we”) eine leere Pose mit bekanntem “Achtung, Subversive Ware!”-Hut.

Passend dazu ist die Soundpalette ein unflexibles Electroclashpunk-Wummern aus Sirenen und Fiepsen, mit dem in Songs, die nur durch ausufernde Refrain-Wiederholung überhaupt auf Popsonglänge kommen, eine Klimax simuliert wird. Als diskursiv entkernte Parodie auf warenförmigen Revoluzzer-Pop ist “Näher Am Menschen” ein Geniestreich, als Nachfolger zum Hit-Debüt leider ein Paradebeispiel für die “Zweites Album”-Falle und den gescheiterten Versuch, einen Novelty-Moment aufzuwärmen. Dass das Erfolgsmodell Mediengruppe immer noch voll einschlägt, beweisen die Telekommander auf jedem Livekonzert, wenn sie mitsamt Publikum in Schweiß, Schrei und Spaß explodieren. Bild dir deine Meinung dort. Aber Vorsicht: Ein Trend geht gerade unter. Da soll die Band am besten selbst noch mal zu Wort kommen:

Euer Ansatz wirkte beim Debüt sehr dringlich. Wie schwer war es für euch, so ein momentbezogenes Ding in ein längerfristiges Projekt zu überführen?
War gar nicht schwer. Im Gegenteil: Es war wie ein wunderschöner Spaziergang über eine Frühlingswiese. Die Vöglein zwitscherten, und Gerald und ich flanierten barfuß durch den Morgentau. Leichtes Kitzeln an den Zehen, ein Schmetterling setzte sich auf meine Schulter usw.

Beim Melt! vorletztes Jahr hörte man von Kondomen und leichten Demolierungen in eurer Garderobe – wie viel Rockband seid ihr eigentlich?
Wir hatten gar keine Garderobe! So viel Rockband sind wir! Auf einer Skala von eins bis zehn also eher in der oberen Liga. Irgendwo zwischen sieben und neun, je nach Tagesverfassung ... Ts, ts, ts, was die Leute sich so erzählen, wie viel Rockband wir eigentlich sind ...

Wie wichtig ist euch Ironie? Und wie wichtig sind euch Aussagen oder Forderungen jenseits von tongue in cheek?
Ironie ist uns so wichtig, weil wir ja im Grunde nicht mehr als eine Rockband sind, die Backstage-Räume demoliert, aber auch gerne mal mitreden möchte. Deshalb läuft es im Studio dann ungefähr so ab: Kommt einer von uns ins Studio, und der andere ist schon da, sagt der andere: “Hallo, hast du auch genug Ironie mitgebracht?” Wenn dann der eine wiederum “Nein!” sagt, sagt der andere: “Kannst gleich wieder nach Hause gehen!”



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aus Intro #138 (Mai 2006)
 
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  • faster23 26.04.2006 | 15:43:58

    Das ist ein guter Review! Popkulturell hat solche Musik keine Zukunft. Tut mir leid ist aber so.

  • User: elec_tric
  • elec_tric 27.04.2006 | 16:32:14

    die aussage, dass der trend gerade unter geht, ist doch gewagt! wenn sie live spielen, sieht es jedenfalls noch gar nicht danach aus..

  • Murray Ostril 27.04.2006 | 17:00:45

    Sonderlich politisch fand ich die ja sowieso noch nie, eher amüsant. Die Texte sind selbstverständlich nichts als hochgepeitschte Phrasen ohne längerfristig angelegte Aussagekraft, aber genau darum geht es ja; so zu tun, als sei man bedeutsam, als hätte man was Wichtiges oder Richtiges zu sagen. Aufgeblasen bis zum Geht-nicht-mehr und darunter das große Nichts; das ist die ewige Fratze des POP. Und wer sich jetzt zum zweiten Album schon enttäuscht abwendet, weil diese verkrampfte Politisierung ja ach so einfältig ist und die Songs so billig, unzeitgemäß und überholt, der hat die Mediengruppe wohl noch nie so wirklich verstanden.

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