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»Queer Noises 1961-1978. From The Closet To The Charts«

Text: Martin Büsser

John Savages Sammlung schwuler Popmusik endet mit “You Make Me Feel” von Sylvester aus dem Jahre 1978. In gewisser Hinsicht hätte es Sinn gemacht, die Geschichte erst zu diesem Zeitpunkt beginnen zu lassen, denn mit Disco und dem avancierten Pop der frühen 1980er gelang explizit schwulen Künstlern erstmals der Sprung in die Charts – von Village People (deren Gay-Konzept allerdings von manchen als PR-Kampagne angezweifelt wurde) bis Soft Cell, von Bronski Beat bis Culture Club. Doch “From The Closet To The Charts” hört bewusst dort auf, wo schwule Popmusik öffentlich wahrgenommen, massenhaft rezipiert und in der Regel auch als schwule Musik akzeptiert wurde.

Wobei bis heute unklar ist, wie viele Menschen sich “Relax” von Frankie Goes To Hollywood angehört haben, ohne zu bemerken, dass es sich dabei um eine Hymne auf den Analverkehr handelt. “Queer Noises” will keine bereits kanonisierte Geschichtsschreibung nacherzählen, sondern begibt sich auf Spurensuche nach Vorgängern aus einer Zeit, als schwule Inhalte in der Popmusik noch alles andere als selbstverständlich waren. Beinahe selbstredend beginnt diese Suche in San Francisco beim Transvestiten Jose At, dessen Song “The Black Cat” von 1960 noch sehr stark in den Kabarett-Kontext eingebettet ist. Doch schon mit “See My Friends” (1965) von den Kinks war eine schwule Beat-Nummer entstanden, die es sogar in die Charts geschafft hatte. Jon Savage hat unglaublich viele vergessene Künstler wie Zebedy, Harrison Kennedy und Polly Perkins ausgegraben, liefert Kurioses wie “White Trash Hillbilly Trick” (1974) von Peter Gruzien, dem wahrscheinlich ersten offen schwulen Countrymusiker der USA, aber auch queere Songs von Künstlern, die selbst nicht offen homosexuell waren, darunter “53rd And 3rd” von den Ramones. Die Spannbreite reicht von Folk über Glam und Soul bis Punk, ernste Nummern wie “Nobody Loves You When You’re Old And Gay” (1978) von den Dead Finger Talk finden sich neben Humoristischem wie “These Boots” (1967) von Teddy & Darrel, die bekannt für ihre schwulen Interpretationen von Welthits waren. Die meisten der hier zusammengetragenen Nummern wurden auf kleinen, kurzlebigen Labels veröffentlicht und ausschließlich in der schwulen Presse beworben, sind also im Original schier unauffindbar. Begleitet wird diese hervorragende Sammlung von ebenso brillanten Linernotes, in denen Savage auf die Diskrepanz zwischen Pop als zumindest manchmal garantierter Freiheits-Nische und Wirklichkeit hinweist. Dass selbst Superstars wie die Beatles mit “Hey, You’ve Got To Hide Your Love Away” schwule oder schwul lesbare Texte im Programm hatten, sagt leider nichts über die gesellschaftliche Akzeptanz aus: Am Ende zitiert Savage eine britische Studie von 2006, nach der 40 % aller befragten Homosexuellen bereits Opfer von diskriminierender Gewalt geworden sind.



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aus Intro #138 (Mai 2006)
 
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