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Gotan Project

»Lunático«

[Ya Basta! / Universal / VÖ: 15.04.2006 ]

Text: Burkhard Welz, Burkhard Welz

Im Jahre sechs nach Erscheinen von \"La Revancha Del Tango\" wird den immerhin über eine Million Käufern der Pariser Tango-Experten endlich der Nachfolger präsentiert. Ist es nicht schön, dass - trotz anders dudelnder Ex-Musik-Sender und Hype-Unsinn - ein zartes Pflänzchen, einer stolzen Pinie gleich, langsam in den Himmel emporwachsen konnte, gänzlich ohne Kunstdünger der einschlägigen Medienbranche? Compilations und massive Kaffeehaus-Einsätze taten den Rest. Ein Großteil der neu gewonnenen Aficionados honorierte sicher die Tatsache, dass hier ein nie zuvor da gewesenes Ethno- (Tango) und Elektronik-Gebräu ohne Fake und mit Herzblut angemischt wurde, dessen Ansatz von Mastermind Eduardo Makaroff anlässlich eines Konzerts im Gran Rex, Buenos Aires, exemplarisch zusammengefasst wurde: \"Die Texte vieler berühmter Tango-Songwriter drehten sich immer darum, in diese Stadt zurückzukehren, und tatsächlich kehren wir heute in den Süden zurück, an jenen Ort, der in unseren Herzen liegt.\" Sehnsucht, Rache, Liebe, Verlangen - was für ein unvergleichliches Gemisch.

Nicht nur eigentlich der ideale Stoff für das Essenzielle, Großartige, das fast jeder außergewöhnlichen künstlerischen Leistung zugrunde liegt. Jeder, der sich jetzt fragt, ob solche Leistungen nicht exklusiv oder einmalig sind, kann beruhigt aufatmen: \"Lunático\", benannt nach dem Rennpferd des berühmten Tango-Virtuosen Carlos Gardel, ist ein mehr als würdiger Nachfolger. Die Pariser gehen mit ihrem zweiten Projekt zu den ursprünglicheren Wurzeln des Tango. Nicht umsonst wurden ihre Mitstreiter - der argentinische Nini Fores sowie Christina Vilallonga aus Barcelona oder Joey Burns von Calexico - extra eingeflogen und nicht anonym per Band an den Schneidetisch gebeten. Organische Strukturen, die das Grundkonstrukt Gotan Project noch verstärken und sich damit ganz wunderbar dem Vorwurf des eskapistischen kulturellen Raubbaus entziehen. Darüber hinaus wird auf \"Mi Confesión\" auch der Vorwurf widerlegt, dass Rap und Tango nicht zusammenpassen. \"Diferente\" lehnt sich an \"Triptico\" vom Erstling an, unterstützt von einer Bassline, die Philippe Cohen-Solal nach eigenem Bekunden im Traum eingefallen ist. Auf \"Celos\" entführt ein atmosphärisches Piano im Jazz-Gewand in die Cafés der argentinischen Metropole, in der ein Bandoneon-Spieler all seine verlorene Liebe in sein Instrument transformiert, dass die Melancholie wie ein schwerer Rotwein die Seele benetzt.
All das und noch viel mehr hat so viel mit Lounge oder Ähnlichem zu tun wie Hard-Rock-Cafés mit AC/DC. So, wie die Sehnsucht dieses Album bestimmt, so wird diese Musik uns ein ums andere Mal davor retten, cooles Darüberstehen mit Stil zu verwechseln.



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aus Intro #137 (April 2006)
 
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