Queensryche
»Operation: Mindcrime II«
[Rhino / Warner / VÖ: 31.03.2006 ]
Text:
Ulf Imwiehe,
Ulf Imwiehe
Für & Wider
Was hat diese Band seit ihrer Gründung im Jahre 1981 nicht alles geleistet. Mit seinem Debütalbum \"The Warning\" erfand das Quintett aus Seattle mal eben den bis heute von unzähligen Epigonen zitierten epischen Progressive-Metal, um mit dem stark elektronisch beeinflussten und nach wie vor einzigartigen Nachfolger \"Rage For Order\" seinen alles überragenden künstlerischen Höhepunkt zu erreichen. Der Millionenseller \"Empire\" mit der Hit-Single \"Silent Lucidity\" und das düster-grüblerische \"Promised Land\" führten Queensryche in den Mainstream, und mit dem umstrittenen \"Hear In The Now Frontier\" gelang es ihnen sogar, Grunge- und Alternative-Einflüsse elegant und schlüssig in ihren Sound einzubinden, bevor der musikalische Vordenker und Impulsgeber Chris De Garmo seinen Ausstieg verkündete und Ende der Neunziger für den Rest der Band ein Prozess der kreativen Neufindung begann, mit allen Höhen und vielen Tiefen.
25 Jahre, zwei Fäuste voll Alben, verdammt viel bewegt und unzählige Musiker beeinflusst - doch was Queensryche auch tun, so experimentierfreudig, wandelbar und dabei charakteristisch sie auch agieren mögen, ihre Fans werden sie wohl auf immer und ewig an ihrem Konzeptalbum \"Operation: Mindcrime\" von 88 messen, jener verquasten, aber hochambitionierten Melange aus Verschwörungstheorien, Drogen-Drama, Systemkritik, Religionsbashing und katholizistisch-verschwitzten Sex'n'Sin-Ingredienzien, die wie eine Art politisiertes Metal-Broadway-Singspiel den Finger in die amerikanische Wunde legte. Nie wollte das Betteln und Flehen der Fans verstummen, die Geschichte um den mysteriösen Schurken Dr. X, den gehirngewaschenen Junkie und Attentäter Nikki und seine Geliebte Sister Mary doch bitte fortzuführen, aber die Band blieb standhaft und zukunftsorientiert. Bis heute.
Das gegenwärtige politische Klima in ihrem Heimatland unter Bush dem Zweiten gab laut Sänger und Texter Geoff Tate den Ausschlag für die Entscheidung, den Handlungsfaden wieder aufzunehmen; und wie in der Saga erster Teil, so führt man auch hier eine Materialschlacht, wie es sich für das Ungetüm \"Rock-Oper\" wohl geziemt: Pathetische Dialoge, hörspielartige Sequenzen und viel Theaterdonner, all das kannte man schon vom Original. Doch wussten die Songs dort nahezu ausnahmslos zu begeistern, als eine Art Amalgam sämtlicher Facetten der Band: mal hochenergetisch bolzend, mal verstiegen und kontemplativ, dann wieder bombastisch und operettenhaft, aber immer faszinierend und zwingend. Das Sequel fällt hier qualitativ massiv ab, und zwar im Vergleich zu sämtlichen bisherigen Alben. Fort ist das Charisma, verschwunden sind die überraschenden Wendungen der Arrangements, und von der kompositorischen Kühnheit, die der Band einst ihren Ausnahmestatus verlieh, ist kaum noch etwas zu vernehmen. Das Drama kommt kitschig, der Rock bieder, die Songs erscheinen zum größten Teil quälend öde. Das Ganze natürlich im Hollywood-Sound und mit gewohnter spielkultureller Virtuosität dargeboten, nichts anderes würde man von diesen Musikern, deren Metal-Entwurf seit jeher mehr E als U ist, erwarten. Dennoch, Mittelmaß wird auch durch noch so viel produktionstechnisches Klimbim und Art-Rock-Tünche nicht spannender. Ihr politisches Bewusstsein in allen Ehren, \"Operation: Mindcrime II\" ist musikalisch das mit Abstand belangloseste und dabei prätentiöseste Album, das Queensryche je veröffentlicht haben. Und das hat durchaus etwas Tragisches.
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