BEWERTEN
 

Huntemann

»Fieber«

[Gigolo / Rough Trade / VÖ: 17.03.2006 ]

Text: Henrik Drüner, Henrik Drüner

Als Produzent der ersten Stunde der aufkommenden Techno-Bewegung begleitete Oliver Huntemann die Entwicklung der Szene seit 1991 mit zahlreichen Veröffentlichungen. Sogar einen amtlichen Trance-Hit konnte der Bremer verzeichnen: \"Love Stimulation\", gemeinsam mit Gerret Frerichs unter dem Projektnamen Humate. Lange her, viel Weserwasser, doch Huntemann macht immer noch in Techno/Electro und schickt die Party-Crowd mit \"Fieber\" gehörig auf den Dancefloor. Sein Kumpel Stephan Bodzin hatte bei drei der zwölf Tracks die Finger im Spiel. Tracks, die nicht den Sample-Wahnsinn früherer Produktionen fabrizieren, sondern sich auf die Grundlagen konzentrieren: Kickdrum, Hi-Hat und kraftvolle Basslines, das ist schon (fast) alles.

So klingen die instrumentalen Tracks transparent und gradlinig, ohne auf Gigolo-Wucht verzichten zu müssen. Tanzmusik, die ohne große Melodien auskommt und ihre Energie allein aus der Anordnung von Sounds schöpft. Die darin reifenden Steigerungen und minimalen Veränderungen der Patterns nimmt man nur wahr, wenn man sich ganz der Musik widmet und Mädchen, Mode und Attitüde, die Komödien und Tragödien einer Clubnacht an sich vorüberziehen lässt. Schon der Opener \"37 Degrees\", aber auch \"50.1\" oder \"Rotodrom\" kicken mit trockenem, sattem Bass zwischen Chicago, Electro und Minimal Disco. Da leckt sich auch das (wahrscheinlich) französische Zimmermädchen beim Saugen die wollüstigen Lippen, denn Chauvinismus regelt beim Huntemann-Artwork vieles. Einzig \"Scary Love\" feat. Chelonis R Jones bindet Gesangsspuren ein, zudem raffiniert mit Samples und Effekten dekoriert. \"Flesh\" greift zu ähnlichen Mitteln wie Tigas \"Pleasure From The Bass\", während \"Rubin\" mit Knarzbass-Hookline die Heilsbotschaft des Viervierteltakts nachhaltig eintrichtert. Wenn schon bei Zimmerlautstärke an einem Sonntagnachmittag das imaginäre Strobolicht im Wohnzimmer flackert, drängt sich der Verdacht auf: Fieber? Höchstens Tanzfieber - besonders beim Hobbyraver in dir. Drei Fragen an Huntemann:

Auch das neue Album macht es wieder schwierig, dich zu verorten. Welcher Szene, welchem Genre siehst du dich am ehesten selbst verbunden?
Tja, es war eigentlich schon immer mein Problem, oder auch Vorteil, irgendwo zwischen den Stühlen zu hängen. Aber genau da fühle ich mich ganz gut aufgehoben. Obwohl ich glaube, in den letzten zwei Jahren wesentlich konsequenter geworden zu sein. Um den roten Faden zu halten, haben mein Ko-Produzent Stephan Bodzin und ich uns bei \"Fieber\" auf wenige Drummachines und Synthesizer beschränkt. Absolute Priorität war die Funktionalität für den Club, denn da gehöre ich hin. Ein wenig House, ein wenig Techno, ein wenig Electro und ein paar gute Vocals - ab dafür!
Dein Artwork wirkt immer so bisschen sex-trashig (Autos, Feuer, Frauen). Ist das Konzept, oder findest du halt so was schön?
Eigentlich gebe ich das Artwork immer komplett ab und lasse die Grafiker machen, was sie bei Titel und Musik empfinden. Bei Andy Orel, der für das \"Fieber\"-Artwork verantwortlich ist, hat mich das Ergebnis umgehauen. Voll auf den Punkt. Der Name ist Programm. Diese Ästhetik gefällt mir aber auch persönlich. Die Kombination von Autos, Feuer und lasziven Katzen spiegelt eventuell sogar den Ausdruck meiner Musik wider: kraftvoll, heiß und etwas schmutzig.
Du machst seit Jahren ja auch ein eigenes Label. Wie erlebst du die Tonträgerkrise als Artist und Labelmacher?
Ich persönlich erlebe die Krise mittlerweile als Chance. Ich wurde sozusagen gezwungen, mich neu zu erfinden. Die letzten drei bis vier Jahre waren hart. Ich denke, so langsam hat sich die Spreu vom Weizen getrennt. Wer jetzt noch dabei ist, hat bewiesen, dass er (oder sie) auch Entbehrungen in Kauf nimmt, um für und mit der Musik und einer Subkultur zu leben. Ich bin extrem froh, nicht aufgegeben zu haben, obwohl es Zeiten gab, in denen kein Licht am Ende des Tunnels schien. Nun, momentan stehen die Zeichen ganz gut. Die Musik ist wieder frisch, ich habe sogar den Eindruck: viel offener. Bei Confused und Dance Electric haben junge Künstler wie Marc Miroir, Huggotron oder Goldfish & Der Dulz die alte Garde abgelöst und liefern allesamt großartige Tracks ab - was will man mehr.



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