BEWERTEN
 

William Orbit

»Hello Waveforms«

[Sanctuary / Rough Trade / VÖ: 24.02.2006 ]

Text: Felix Scharlau, Felix Scharlau

Könnte man ein Album heutzutage schlimmer etikettieren als \"eine Reise in die Vergangenheit\"? Wohl kaum. Nicht nur sprachlich vollkommen indiskutabel, auch semantisch darf der Hype-Sprech des Jetzt nun wirklich alles beinhalten - nur kein derartig plakativ nach außen gestülptes Zurückschauen. Beim heißen Scheiß der Stunde bekommt zwar hinter nicht mal vorgehaltener Hand jene vordergründig als Regression definierte Vergangenheit die Credits ab - es geht ja um die geilen Referenzen. Glaubt man den Veröffentlichenden, wendet sich aber in der Hauptstoßrichtung trotzdem alles visionär nach vorne. Ein ziemlich schiefes Abfeier-Prinzip, das aber nicht wirklich tragisch ist.

Denn es ist Pop immanent und war es auch schon immer. Toll aber: Es gibt, wie wir alle wissen, hin und wieder Alben, die das enge Korsett der eindimensionalen Wahrnehmung von Pop knacken. Das neue von William Orbit zum Beispiel. Im Hier und Jetzt ist er mit seinem wunderschönen und, genau, eigentlich vollkommen antagonistischen \"Hello Waveforms\" einer dieser seltenen Gewinner am Lostopf der stilistischen Unwägbarkeiten, der propagierten No-Gos. Das fast ausschließlich instrumentale Album des umtriebigen Remixers und ehemaligen Madonna-Produzenten ruft, wie schon früher, die kreative und kommerzielle Hochphase des Ungefähr-Genres Ambient-Pop. Future sounds of London calling. Oder Orbits Namensbrüder von Orbital bis The Orb. Und mit ihnen die 90er (der kleine Bruder des derzeit immer noch einzig hoffähigen Jahrzehnts: die 80er). Als Enos Schüler antraten und Meilensteine veröffentlichten. Dabei klingen Orbits Retro-Abziehbild-Tracktitel (\"Sea Green\", \"They Live In The Sky\" oder \"Colours Of Nowhere\") in ihren impressionistischen Science-Fiction-Codes sogar genau genommen eher nach Werken von Claude Debussy. Das ist 100 Jahre her! Egal: Tausendmal wurde schon so oder ähnlich gefiltert, wurden verhallte Arpeggio-Gitarren und Streicher über eh schon verdammt emotional-flächige Welten digitaler Romantik geschichtet, bis das Pathos an ebenjenem \"Sky\" in farbigen Explosionen reüssierte. Aber lange strahlte dieses Prinzip eben auch nicht mehr so viel Würde und Pointiertheit aus: Strophe, Refrain, Off-Beat-Hihat, sie alle wären hässliches Lametta auf dieser wunderschönen Eiche.



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