BEWERTEN
 

Neil Diamond

»12 Songs«

[Sony BMG / VÖ: 17.02.2006 ]

Text: Felix Scharlau, Felix Scharlau

Neil Diamond, dieser Johnny-Cash-Epigone. So könnte eine Review des neuen Neil-Diamond-Albums beginnen und tut es auch. Ein Einstieg, der mit \"glatte Unverschämtheit\" noch nicht annähernd zutreffend gekennzeichnet ist. Denn mit überlieferten 120 Millionen verkauften Platten seit 1967 braucht Diamond sicherlich nicht auf potenzielle Vorbilder reduziert zu werden. Noch dazu solche, die für ihn womöglich ohnehin nie welche waren. Er ist sein eigenes. Mit wunderbaren Alben - vornehmlich Anfang der 1970er - besetzte er seine eigene Nische in Pop, gerne ausgekleidet mit allerlei Pathetischem wie Streichern. Und doch lässt \"12 Songs\", die lange angekündigte Zusammenarbeit mit Rick Rubin, solche unhaltbaren Schnellschuss-Interpretation wie oben zumindest aufpoppen.

Denn war Rick Rubin nicht der bärtige Wahnsinn, der keinen ästhetischen Ansatz zweimal gelten ließ? Er, der sich immer auf eine neues, noch seltsameres Projekt stürzte, als man sich gerade an seinen letzten Clou gewöhnt hatte? Der sowohl Slayer und Red Hot Chili Peppers, Beastie Boys und Run D.M.C., aber eben auch Leuten wie Johnny Cash zu einem neuen Sound verhalf? Stimmt alles, aber eben nicht ganz: Schon bei Letzterem blieb Rubin am Ball, läutete nicht nur das finale Comeback des \"Man In Black\" ein, sondern begleitete es quasi mäzenatisch bis zum Ende 2003. Und jetzt folgt eben ein weiterer (zwar nicht vergessener, aber doch verdrängter) Singer/Songwriter, der ebenfalls stripped down - meist nur mit seiner Akustikgitarre - zu neuen Ehren gehoben werden soll. Das riecht natürlich nach Sell-out. Ist aber in Wahrheit wohl wieder bloß ein Akt der vollsten Überzeugung. Ganz losgelöst von Cash kann den aber wohl trotzdem niemand hören. Obwohl es schon Differenzen gibt: Diamond pusht seinen eigenen, noch dazu neuen Output. Keine Cover-Versionen, keine alten Songs. Einfach ein neues Album - jetzt halt nur segelnd unter der umgedrehten \"American\"-Piratenflagge von Rubin. Und wie Johnny Cash zuvor landet auch Diamond via Rubin (die beiden sollten heiraten - alleine schon wegen des Doppelnamens) bei sich selbst - voice and guitar. Singt Songs wie \"Hell Yeah\", in denen er auf sein Leben zurückschaut. Übrigens nicht, ohne über sich selbst in der dritten Person \"He walked the line\" zu singen. Aber hatte nicht Cash, der diese Zeilen einst in Stein meißelte, erst vor ein paar Jahren eine ganze Platte nach dem Diamond-Knaller \"Solitary Man\" benannt? Eben. \"12 Songs\" ist ein schönes Album, wirklich. Aber noch mal, falls das zu kompliziert war: keins von Johnny Cash.



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