BEWERTEN
 

The Strokes

»First Impressions Of Earth«

[Sony BMG / VÖ 30.12.05 / VÖ: 10.02.2006 ]

Text: linus volkmann, linus volkmann

Acht Songs der Platte gibt es vorab zu hören. Und zwei kann man sich irgendwie noch im Netz fischen. Dort sind jene beiden allerdings nicht in Einvernehmen mit geltendem Recht hingelangt. Ein Umstand, den wir verurteilen. Aber wir sind Pop-Nerds und keine Staatsanwälte. Insofern stehen unter dem Strich dann zehn angehörte Stücke. Das ist nicht wenig, das Wissen darum gehört geteilt. Und das geht so: “Juicebox”. Die erste Single wird schwer dominiert von diesem panzernden Basslauf, Julian Casablancas Gesang kommt daneben längst nicht mehr so somnambul und abgehangen rüber, sondern sehr vordergründig. Guten Morgen, Junge. Ein Wake-up-Call, der an die Dringlichkeit der Franz-Ferdinand-Produktionen erinnert und statt cooler Verschlafenheit enorme Präsenz suggeriert.

Mit diesem Song soll sofort klar gemacht werden, dass es sich hier nicht – wie bei Platte Nummer zwei (“Room On Fire”) – um ein Sequel des Erfolgsdebüts handelt. “First Impressions” möchte neu verhandeln. Und “Juicebox” schließt mit einer Pointe kurz und knapp. Weiter: “I’ll Try Anything Once”. Diesmal hält der Gitarrenlauf das Thema des Songs und lässt sich begleiten von dem Rest von Band und Stück. Das Schlagzeug klingt weniger garagig denn elektronisch in Sound und Figuren. Im Song selbst tauchen schön viele “Baby”-Passagen auf. Weiter: “Razorblade”. Hoppla, sind das nicht die swingenden Sterne zu “Safari”-Zeiten? Der Schellenkranz lässt es vermuten, aber wenn der Refrain kommt, singt man noch einen ganz anderen Klassiker mit: “Mandy” von Barry Manilow. Ein Kramladen von Rocksoul in absolut staubtrockenem Gewand. Weiter: “Heart In A Cage”. Wieder ein Sologitarrenlick, das die Melodie des Songs liefert und das Stück strukturiert. Den Schunkelfaktor kennt man von ähnlichen wie sehr populären Mitgehern à la “The Passenger” (dein Mann dabei: Iggy Pop). Dann geht’s auch noch mal richtig ab – richtig ab in die Angeberei: Es werden pompöse Metalgitarren wie sonst nur bei Dio gezückt. “Heart In A Cage” endet letztlich als erster Song nicht mit einem Punktum, also überraschend und auf der eins, sondern mit einer vorm Verstärker vergessenen quengelnden Gitarre. Weiter: “Ask Me Anything”. Wohl der außergewöhnlichste Song. Neben Julians Gesang findet sich nur noch eine elektronisch angezerrte Bratsche. Der Rest der Band war wohl in der Kneipe, taucht zumindest nicht nachweisbar auf. Das Ergebnis erinnert an die wunderschönen Miniaturen der Magnetic Fields, der Text schwelgt in kokettem Selbsthass, in einer Schwundstufe von “Smells Like Teen Spirit” mit Zeilen wie “I’ve got nothing to say, I’ve got nothing to give, I’ve got no reason to live” sowie “I like weed, I like pot”. Am Schluss schubbert eine Orgel raus aus der sehr schönen Nummer. Weiter: “Electricity Scape”. Sehr hymnischer Song, sehr erdig. Definitiv das Stadion-Pendant zu dem kammermusikalischen, der gerade noch davor kam. Die Vokale werden gezogen, als wäre Thome York als Vocal-Coach kurz reingeschneit. Und beim dritten Refrain wird die markante Gesangslinie von der Sologitarre gespielt – geht unheimlich ab. Quasi das “Raise Your Hands” (Bon Jovi) der Strokes. Weiter: “Vision Of Division”. Sprechgesangig aufgezogener Stop-and-Go-Song. Die kühle und entäußerte Grundstimmung wird immer wieder konterkariert durch Emo-Ausbrüche. Sehr effektiv, allerdings durch die ungeheuere Perfektion eher ein affirmatives Stilbild von Exzess denn wirklicher Exzess. Weiter: “The Ize Of The World”. Noch ein Stück, dessen Energie sich über Kontrollverlust in einem höchst kontrollierten Rahmen in Szene setzt. Das treibende Schlagzeug gibt alles, der Gesang lässt sich wieder wie zuvor nicht der Fall auf die etwas nölige Freizeitpräsenz ein. Und schenkt dem Hörer damit diesen luschig hypnotischen Aspekt, der sonst auf dem Album einer kreativen Tightness gewichen ist. Damit ist das Album, so weit schon verfügbar, hier auch aus. Mmmmh. Neue Wesen kehren gut. In der Addition ist das eine auffällige Weiterentwicklung – nachvollziehbar, sorgsam und gut auf Hochglanz. Der fehlende Dreck wird durch Raffinesse ersetzt. Wem das nicht schmuddelig genug ist, der kann ja eine Höhle im Garten graben.



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