BEWERTEN
Du hast bereits abgestimmt!
 
»Größenwahn 1992-2005 & Monotonie Durch Automation«
[Gigolo]
Text:
Sebastian Ingenhoff,
Sebastian Ingenhoff
Die heute zu besprechende Doppel-CD vereinigt sowohl die größten veröffentlichten und unveröffentlichten Hits des Mannes, den sie früher noch DJ Hell nannten, als auch einige radikale Neuinterpretationen der Maxis seines 2003er-Albums \"NY Muscle\" als Zulage. Sicher, der Mann spaltet schon seit Dekaden die Gemüter: \"Busen-affiner Porno-Schöngeist\" mögen die einen denken, \"diabolisches Genie\" die anderen. Aber blenden wir Hell, menschlich gesehen, doch für den Verlauf dieser Plattenrezension mal aus und konzentrieren uns auf den musikalischen Output des mittlerweile bald halb-hundertjährigen Ibizabajuwaren.
Hier muss wohl selbst der hartgesottenste Kritiker neidlos anerkennen, dass sich eben dieser Output mit Fug und Recht saurespektabel nennen darf und
Hell nach wie vor musikalisch gesehen zu den interessantesten Köpfen der Szene gehört. Neben altbekannten Hits wie \"Suicide Commando\", \"This Is For You\" oder \"Keep On Waiting\" mit Erlend Øye versammelt die erste CD auch einige neue beziehungsweise unveröffentlichte Stücke des Gigolo-Gründers, die sich nahtlos in die
Hell'sche VÖ-Linie 2005 einfügen lassen. So scheinen besonders die Jahre 1988 und 89 einen heißen Referenzrahmen abzuliefern. \"My Life Is
Hell\" rattert ziemlich Acid-orientiert und gleichzeitig düster vor sich hin, auch der vielleicht beste neue Track, \"Like This\", besticht durch ein repetitives Sprechsample und dreckige, gehetzte 303-Sounds. Das ist durchaus stimmig, denn bekanntlich veröffentlichte er vor kurzem noch eine Compilation mit dem Namen \"Acid Rocks\", auf der er aktuelle Hybride aus Technorock und Neo-Acid fachmännisch sezierte und miteinander verwob. Das passt in diese Zeit der Warteräume, in der sehnsüchtig nach hinten geblickt wird und neue Impulse vor allem aus dem Rückzug in die Frühphase der elektronischen Musik entstehen. So waren bereits die Alben von Koze und Egoexpress geprägt durch klare Bezüge auf Chicago-House beziehungsweise Detroit-Techno. Ein bisschen also wie bei Judith Hermann: nichts als Gespenster. Die zweite hier vorliegende CD beinhaltet Remixe seiner \"NY Muscle\"-Maxis von so ziemlich jedem derjenigen Künstler, die zuletzt auch die Cover der hiesigen Elektronik-Fachzeitschriften zierten: vom Naturkunde-Streber Dominik Eulberg über die Tiefschwarz-Brüder und Abe Duque bis hin zu den Minimal-Professoren Villalobos und Superpitcher, wobei besonders die Version des Letzteren von \"Je Regrette Everything\" hervorzuheben ist. Über alledem steht und wacht er sorgsam, der
Hell, der, ich sag es geradeaus, Rudi Assauer der deutschen Techno-Szene.
Artikel kommentieren
Diese User besitzen die Platte
-