BEWERTEN
 

Gravenhurst

»Fires In Distant Buildings«

[Warp / Rough Trade / VÖ: 21.10.2005 ]

Text: Henrik Drüner, Henrik Drüner

Manchmal, vor allem, wenn es Herbst ist, gibt es so viel herbstliche Musik, dass man gar nicht weiß, wohin man mit all der anvertrauten Melancholie soll. Dann sitzt man da, schaut den fallenden Blättern beim Fallen zu, legt die panzernde Rüstung des Alltags ab und gibt sich diesem emotionalen Overkill einfach hin. Nick Talbot, Kopf von Gravenhurst aus Bristol, hat daran maßgeblichen Anteil: Sein Hang zur schüchternen Düsternis, verpackt in betont sphärische Songs, ist wahrscheinlich das Beste, was einem in dieser Hinsicht und Jahreszeit widerfahren kann. Zwar entfernt sich Talbot immer weiter vom Einsamer-Mann-mit-Gitarre-Folk, doch seine stilistische Nähe zu Nick Drake, Tim Buckley und Simon & Garfunkel ist nicht zu überhören.

Er macht den abgründigen Zwiespalt zwischen Zärtlichkeit und Gewalt beinahe körperlich fühlbar: mit dem gehauchten Gesang seiner fragilen und auffällig hellen Stimme, der einprägsamen Akustikgitarre und fatalistischen Textzeilen wie in „The Velvet Cell“: „To understand a killer, I must become the killer.“ Die sparsame, aber sehr effektive Instrumentierung lässt den Songs dabei viel Spielraum zur Entfaltung, zusammengehalten von warmen Orgelteppichen und unterschwelligen elektronischen Sounds. Die vorherigen Warp-Veröffentlichungen „Flashlight Seasons“ und „Black Holes In The Sand“ ließen bereits Großes erhoffen. Denn Gravenhurst beweisen weiterhin ein Händchen für Songwriting und Melodien und Spannungskurven. Vergleichbar mit einem nicht aktiven Vulkan wabern Songs wie „Down River“ und „Song From Under The Arches“ eine Ewigkeit ohne Regung, bis es auf ein unsichtbares Zeichen zum Ausbruch kommt: E-Gitarren-Eruptionen, ein Schlagzeugbeben von David Collingwood und Lavaströme aus Krach, Dynamik und Emotionen ergießen sich über den Hörer. Eines Tages wird man sie mit offenen Mündern und großen Augen aus dem erkalteten Gestein meißeln. „Animals“ nimmt ungeahnte Ausmaße von Verzweiflung an, während der Schlusssong „See My Friends“ aus der Kinks-Vorlage ein psychedelisches Velvet-Underground-Ungetüm zaubert. Genau, mit Gitarren-Feedback, disharmonischen Orgel-Ausflügen und dem ganzen herrlichen Zeugs. Nur acht Songs fanden Platz auf „Fires In Distant Buildings“ – aber was sagt diese banale Quantität schon aus? Es ist Musik von außergewöhnlicher und atemberaubender Intensität.



Artikel kommentieren
 
  • Mehr Infos

  •  
  • Diese User besitzen die Platte

  •  
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
 
  • Nächste Tour-Termine

  •  
 
  • WEITERE PLATTEN

  •  
 
  • ÄHNLICHE PLATTEN

  •  
 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]

 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]