BEWERTEN
 

George Clinton

»How Late Do You Have 2B B4 UR Absent«

Text: Anke Bajuwari, Anke Bajuwari

George Clinton hat mehr kulturelle Spuren hinterlassen als – okay, gewagter Vergleich! – alle deutschen Nachkriegsschriftsteller zusammen. An allen Eckpfeilern des R’n’B hat er sein Beinchen gehoben. Sein Weg führte ihn vom Doo Wop singenden Friseur über den slicken 60s-Soulboy bis zum Säulenheiligen des Funk. Motown-Impresario Berry Gordy fürchtete sein Talent so sehr, dass er ihn unter Vertrag nahm, um ihn außer Konkurrenz zu wissen. Mit dem Zerfall der Bürgerrechtsbewegung und Detroits wirtschaftlichem Niedergang wurde es Zeit, neue Antworten zu finden. Drogenrebell Bootsy Collins, Hendrix-Verehrer Eddie Hazel, der klassisch ausgebildete Keyboarder Bernie Worrell und der ganze Rest des P-Funk-Mobs schufen die wohl eskapistischste Form eines absoluten musikalischen Crossovers.

Clinton hat den Funk ideologisch aufgeladen, bis er zur Comic-haften „Promised Land“-Metapher für afroamerikanische Jugendliche wurde, die der restriktiven Wirklichkeit nur zu gerne entfliehen wollten. Nebenbei entwickelte er ein Geschäftsmodell, indem er – später vom Wu-Tang Clan kopiert – seine Freakgang in diverse Bands einteilte und an jeweils unterschiedliche Plattenfirmen verdealte. Warum die Hand nur ein Mal aufhalten, wenn es auch öfter geht? Man muss ihn als Kräfte bündelnden, alles integrierenden Daddy sehen, heute zumindest, weniger als Sänger, klingt doch seine Stimme inzwischen eher nach Motörheads Lemmy from outerspace als nach Soul-Renaissance. Er hat immer die heißesten Hunde um sich versammelt, und auch bei seiner neuen Platte sind es die Gastmusiker, die die Musik prägen: So findet sich hier der beste Prince-Track seit gefühlten 100 Jahren, und wer die Real-Soul-Hymnen von Detroit-Diva Belita Woods mit – nehmen wir mal – Kelis vergleichen möchte, muss feststellen: Soul ist das eine, Kasperletheater das andere. Famos der Psycho-Gospel „Because / Last Time Zone“ oder der Opener „Bounce To This“, ebenso das Gag-Rock’n’Roll-Medley „Whole Lotta Shakin’“ im Duett mit Bobby Womack. Alles wirkt auf eine angenehme Art oldschoolig, und es tut gut, in Zeiten, in denen sich verwässerter R’n’B an Fitnessstudio-Sex, militärisch ornamentalen Tanzeinlagen und hochgepitchten Musical-Stimmchen orientiert, älteren Herrschaften zuzuhören, denen es schon immer eine Herzensangelegenheit war, Auswege aus der brutalen Banalität des Alltags zu formulieren.



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