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»Feels«
[Fat Cat / Pias / Rough Trade / VÖ: 14.10.2005 ]
Text:
Martin Büsser,
Martin Büsser
Bisher galten Animal Collective vor allem als Kritikerlieblinge. Wenn sich das mit diesem Album nicht ändert, muss am Publikum, wenn nicht sogar an der Menschheit gezweifelt werden. Bislang war es noch einfach, sie unter dem sehr dehnbaren Begriff „Avantgarde“ zu fassen. Und alle, die einmal das Schicksal ereilte, als „Avantgarde“ klassifiziert worden zu sein, fristen seit jeher das Dasein so genannter Kritikerlieblinge: viel gelobt, wenig gehört, gar nicht gekauft. Daran hat sich seit The Red Crayola Mitte der 1960er nichts geändert. Dabei waren Animal Collective immer schon eine Popband, allerdings eine, die sich gewissen Selbstverständlichkeiten des Pop verweigerte.
Die noch sehr jungen Musiker verbergen sich hinter Namen wie Avey Tare und Panda Bear und treten auch live gerne mit Tiermasken auf. Das Tierische und das Kollektiv im Bandnamen weisen darauf hin, dass es hier nicht um die Identifikation mit Einzelnen geht, schon gar nicht um Stars. Die Kollektiv-Improvisation des Jazz und der Psychedelic Folk der Mittsechziger rund um das ESP-Label – Pearls Before Swine oder The Holy Modal Rounders – sind hier als Auswege aus zementierten musikalischen Hierarchien revitalisiert worden. Es geht ganz altmodisch und zugleich noch immer brisant aktuell um Musik als Befreiung von Zwängen jeglicher Art, darunter auch dem, erfolgreich sein zu müssen. Deshalb auch dieses Prinzip des Verwischens: Akustikgitarren, die wie Loops eingesetzt werden, Gesang, der sich gegenüber einer durchgehenden Verstehbarkeit sträubt – und über allem ein Moment der Verzückung, des Driftens, das die Musik so einzigartig fragil, so flüchtig wirken lässt. Man will sie erhaschen, doch alles flattert sofort davon. Stetig, aber auch keineswegs dominant bleibt nur der Rhythmus, der manchmal an die einst ebenso tierischen Adam And The Ants erinnert. Auf „Feels“ ist der Gesang von Avey Tare erstmals über sich hinausgewachsen, besteht nicht mehr nur aus einem Hauchen, zufriedenem Gurren oder vogelähnlichem Zwitschern, sondern formt Melodien, die den ganz großen Pop-Entwurf erwarten lassen, aber ihrerseits zu flatternd fragil eingesetzt werden, um als Ohrwurm hängen zu bleiben. Damit gelingt
Animal Collective, etwas einzulösen, was herkömmlicher Pop als Versprechen immer nur vorgibt: pure Schönheit. Schönheit nämlich besitzt immer auch etwas Rätselhaftes, das sich nicht speichern, katalogisieren und beliebig abrufen lässt. Schönheit im Sinne ästhetischer Erfahrung ist vielleicht das Letzte, was sich dagegen sträubt, zur Ware oder bloßen Information umgestaltet werden zu können. Nun ist natürlich „Feels“ auch eine Ware. Doch über ihre Warenförmigkeit hinaus vermag die Flüchtigkeit dieser Musik einen Eindruck davon zu geben, dass Schönheit stets nur ein kurz aufblitzendes Moment sein kann, begehrenswert gerade aufgrund seiner Vergänglichkeit. Das unterscheidet diese in ihrer Tierhaftigkeit doch zugleich zutiefst humane Musik von all jenem standardisierten Pop, der schon im Moment seines Entstehens als Evergreen angelegt ist und uns vorgaukelt, Schönheit oder Glück sei jederzeit beliebig abrufbar.
Animal Collective dagegen entziehen sich permanent der Enträtselung und geben gerade deshalb eine Ahnung von Glück.
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