BEWERTEN
 

Turner

»Slow Abuse«

[Ladomat / Mute / VÖ: 16.09.2005 ]

Text: Sebastian Ingenhoff, Sebastian Ingenhoff

Die Bäume verlieren allmählich ihre sommerliche Farbenpracht, es wird immer kälter auf weiter Flur, und ich habe heute auch schon wieder geweint. Es ist einer dieser echt seltsamen Tage, an deren Ende man sich sagt, noch so ein Tag, und dann ist auch mal gut. Ein idealer Zeitpunkt also für ein neues Album von Turner, diesen wohl zartesten aller zarten Songwriter hierzulande. Mal abgesehen von Maximilian Hecker. Ich schreibe auch ganz bewusst Songwriter. Vor ein paar Jahren hätte an dieser Stelle noch gestanden: House-Produzent, oder frecher formuliert: ambitionierter Soundbastler. Das ist wohlgemerkt lange her. Denn spätestens mit seiner letzten Platte „A Pack Of Lies“ hat sich der Mitgründer des Dial-Labels zu einem veritablen Popsong-Komponisten gemausert.

Waren das erste und drei Viertel des zweiten Albums noch rein instrumentaler Natur und deswegen tracklastig, wurde Turner während der Arbeit an ebenjenem monumentalen Werk der Tatsache gewahr, dass er eine Stimme hat und croonen kann, als gäbe es kein Morgen mehr. In der damaligen Intro-Rezension hieß es treffend: „‘A Pack Of Lies’ klingt, als hätten KLF einen Song der Bee Gees eingespielt.“ Man kann sagen, jenes Album bewegte sich an der Schnittstelle zwischen Elektronik und Songwritertum. Das mit der Elektronik wird auf „Slow Abuse“ jetzt komplett herausgeschnitten. Nicht einen einzigen Beat gibt es auf dem Album, stattdessen setzen sich die Songs zusammen aus Gesang, Gitarren und vielen Flächen, die Spannungsbögen aufbauen und beim Kulminationspunkt in trauriger Schönheit zu erstarren wissen wie ein androgyner depressiver Panther. Für ein paar Sekunden lang. Manchmal merkt man ihm an, dass er früher noch sehr gerne Shoegazer-Musik gehört hat, denn hier und da schimmert schon mal etwas Slowdive hindurch, so zum Beispiel beim ersten Stück, das auf der so schönen Textzeile „You love sorrow and there is nothing I could do“ basiert. Textlich gesehen gehört das Ganze wohl auch zum Traurigsten, was ein Mensch in letzter Zeit erdichtet hat: „Statistically loneliness is impossible, theoretically this must be a thing from above.“ Diese Platte hat sehr viel mit Liebe zu tun. Mit einer Liebe, die so zerbrechlich ist wie ein Porzellanherz. Sie handelt von Menschen, die ihre Gegensätzlichkeiten immer wieder aufs Neue überwinden müssen. Die Liebe als ein immer währender Kampf, der so viel Herzblut fordert. All das verarbeitet er hier. Triumphierende Housemusik, die kann er ja auch noch zur Genüge unter seinem Pseudonym Pavel Minimalmusik auf Dial Records veröffentlichen. Aber diese großen Popsongs, zart und schmerzhaft wie ein lange währender inniger Abschiedskuss, die präsentiert er uns nur hier. Blöder Tag heute. Aber eine wahnsinnig schöne Platte. Hab euch ganz doll lieb.



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