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»Grenzenlos«
[Pias / Rough Trade / VÖ: 07.10.2005 ]
Text:
linus volkmann,
linus volkmann
Den Chor für einen hochkulturellen, gar schwerwertigen Spot in Popmusik zu halten ist ein Ausdruck nicht behandelter Tumbheit. Denn der Chor wirkt zwar seiner Natur nach orchestral und sakral, ist aber genau genommen Pizza statt Auster. Massengeschmack – jeder liebt sie, ob labberig oder super, auf Pizza kann man doch quasi immer. Und so muss es auch nicht wundern, dass sich gerade Pink Floyds „Brick In The Wall“ so unsterblich zeigt oder dass momentan das pathetische Nichts von „All For One“ (Kool Savas und Azad) so nachhaltig in den Charts steht. Schuld sind die Pizza-Knaben-bzw.-Mädchenchöre. Platt, aber effektiv. Gänsehautmomente für die Unterschicht.
Es sei ihnen (na) ja gegönnt, und es verwundert auch eher, dass dieser Trumpf nicht viel öfters gezogen wird. Scala zum Beispiel konnten bei ihrer ersten Platte vor einem Jahr kaum fassen, wie begeistert man sich danach um den belgischen Mädchenchor riss. Dabei sangen die Girls doch nur unironisch und überprätentiös (wie es die Pflicht jeden Chors ist) Megahits von U2 bis Nirvana nach – dazu kam im Songbild nur noch ein Flügel, der in Anschlag und Arrangement der Kolacny Brothers ebenfalls jegliche Subtilität eliminiert hatte. Es gab nur das vermeintlich große Gefühl: gebrettert auf dem Piano, geschmachtet von den Mädchenstimmen.
Hier nun das Sequel, diesmal mit ausschließlich Stücken zeitgenössischen deutschen Pops – welch seltsame Ehre, aber okay. Dennoch ist die Enttäuschung schnell sehr groß. Eine Pizza zu verkorksen gilt gemeinhin als schwierig, da sie „auch schlecht noch verdammt gut ist“ (Stephen Baldwin in „Einsam, Zweisam, Dreisam“). Dieses Album ist das allerdings nicht. Die Umsetzung der Songs von Band- zu Chor- und vor allem Klavier-Stücken darf als mehr denn misslungen bezeichnet werden. Ewig dasselbe Intro, immer der gleiche Einsatz des Chors und danach alles völlig ideenlos runtergebrochen, und bei dynamischeren Songs wie „Die Perfekte Welle“ wirkt der Switch von verhalten (Strophe) zu akzentuiert (Refrain) richtig peinlich. Nichts funktioniert, das ganze dumme Pathos, das angestrebt wird, geht ins Leere – und was bleibt? Zumindest nicht Nichts. Denn das eigentlich Interessante dieses Album stellt die Auswahl der Tracks dar. Welche deutschen Lieder kennt eigentlich der Belgier? Da ist trotz der geografischen Nähe offenbar einiges im Argen. Man sollte das Goethe Institut schließen, wenn selbst Nachbarländer nur diesen komisch romantischen David-Lynch-Blick auf Deutschland pflegen. Deutsche Kunst: romantisch, bedeutungsschwer, wagnerianisch, unheimlich etc. Und diesen offensichtlichen Auswahlkriterien folgend, hält die heterogene Song- und Bandauswahl auch viel besser zusammen, als man auf den ersten Blick vermutet hatte: Blumfeld, Rammstein, Kraftwerk, Selig, Mia. u. a. Typisch deutsche Bands, deutsches Romantikklischee in mieser Piano-Interpretation und von verzweifelten Belgierinnen vergurkt. Eine Pizza wie eine Geisterbahn.
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