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Neutral Milk Hotel

»In The Aeroplane Over the Sea«

[Domino / Rough Trade / VÖ: 20.03.2003 ]

Text: Thomas Markus, Thomas Markus

„Fuzz-Folk“ nannte das Musiker-Kollektiv Elephant 6 aus Colorado Mitte der 90er-Jahre seine ganz eigene Version von Indie-Folk. Bands wie Apples In Stereo, The Olivia Tremor Control gehörten dazu und eben Neutral Milk Hotel. Jeff Mangum, Mastermind hinter NMH, hatte zunächst in Eigenregie auf dem so genannten Elephant-6-Company-Label veröffentlicht und daraufhin über Merge zwei Alben herausgebracht: „On Avery Island“ (1996) und zwei Jahre später „In The Aeroplane Over The Sea“. „You were the king of carrot flowers“, singt Mangum beim Opener des Letztgenannten, und neben dem Karotten-König tummeln sich noch weitere weirde Gestalten im Neutral Milk Hotel: der zweiköpfige Junge beispielsweise oder der Vater mit der Gabel in der Schulter, und wenn man aus dem Fenster schaut, regnet es Klapperschlangen.

In jedem Song entwirft der damals 27-Jährige ein anderes surreales Szenario und überrascht mit extravaganter musikalischer Umsetzung. Dudelsäcke, Tamburin und bis dato ungehörte Instrumente wie das Zanzithophone (?) werden vom Klangspektrum absorbiert, um Mangums schrägen Fantasien Gestalt zu verleihen. Simple Folk-Songs werden bei „The King Of Carrot Flowers Pts. Two & Three“ von verzerrten Bässen und Violent-Femmes-beeinflussten Drums durchkreuzt. Theremin und Trompete buhlen in „Ghost“ um das Songthema, während sich die Rhythmus-Sektion in rauschartige Zustände steigert und dann abrupt verstummt, nur um Mangums expressiver Stimme den nötigen Platz einzuräumen. Ben Reed Parry von Arcade Fire outet sich als Fan, genau wie Bob Hardy von Franz Ferdinand, und sie liegen richtig. „In The Aeroplane Over The Sea“ ist einfach zu schnell und ungewürdigt wieder in der Versenkung verschwunden. Ohne Neutral Milk Hotel wäre Arcade Fire mit Sicherheit weniger rockig, Coco Rosie weniger schrullig und Folk à la Will Oldham weniger populär. Lehnen wir uns ruhig noch einen Meter weiter aus dem Fenster: ein Manifest, ohne das Indie-Musik heute einfach nur halb so indie wäre. (Word!)



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