BEWERTEN
 

Bo Flower

»Heile Welt«

[Pias / Rough Trade / VÖ: 19.09.2005 ]

Text: Hannes Loh, Hannes Loh

&
Diverse
41 Karat
Maintheme / Sony BMG

Die Schere zwischen Untergrund und Mainstream geht wohl in kaum einem anderen Musikgenre so weit auseinander wie im Rap. Inzwischen etabliert sich aber auch in Deutschland ein veritables Mittelfeld von Künstlern, Gruppen und Labels, das mit soliden Beats und anspruchsvollen Rapstyles aufwartet. Bo Flower z. B. ist aus Hamburg und legt mit „Heile Welt“ sein zweites Album vor. Schon mit dem Opener „Die Show Hat Begonnen“ wird klar, dass er ein Entertainer ist, der mit seinen Skills ein Jam-Publikum zum Kochen bringen kann. Zwischen ironischem Augenzwinkern und seriösem Pathos wirft er sich in verschiedenen Posen auf die unterschiedlichsten Themen: Konsumkritik, Beziehungskisten, persönliche Sehnsüchte, Party, Battle usw.

Das kann auch schon mal in die Hose gehen, wie bei dem Track „Leben In Angst“, der sich mit sexuellem Missbrauch von Kindern auseinander setzt und über eine verschwommene Betroffenheit („die sind doch krank“) und die üblichen Stammtischforderungen (härtere Strafen) nicht hinauskommt. Musikalisch zeigt sich Bo Flowers „Heile Welt“ experimentierfreudig und immer auf der Suche nach einer flüssigen Melodie. Akustische Gitarrensounds kommen genauso zu ihrem Recht wie verzerrte Riffs und Funk-verliebte elektronische Spielereien. Etwas düsterer, schneller und bedrohlicher präsentieren sich Amun, She-Raw und Serk vom Label Maintheme Records. Das ist kein Wunder, denn die drei repräsentieren Rap aus der Hauptstadt, was ganz ohne Zweifel einen großen Teil ihres Selbstverständnisses ausmacht: Allein vier Song tragen die Buchstaben der Spreestadt in ihrem Titel („Berlin 4 Life“, „Bist Du Auch Ein Berliner?“, „B-E-R-L-I-N“, „Team Berlin“). Das Credo ist dabei, wie bei unzähligen anderen Berliner Acts, immer ähnlich: Berlin ist brutal, aber ehrlich, hart, aber herzlich, schmutzig, aber schön, Moloch, aber multikulti. Der unbändige Stolz darauf, Berliner zu sein, verbindet eigentlich alle Berliner Acts wie ein unsichtbares Band. Als weltoffener Außenseiter (sprich: als Nichtberliner) beobachtet man solches Identitätsgebaren mit wohlwollender Neugierde und lauscht den Berliner Geschichten gerne. Denn Amun, She-Raw und Serk beherrschen neben deutlichen Battleskills auch die Kunst des anschaulichen Erzählens. Sie zeigen sich als einfühlsame Beobachter, aber auch als herzoffene MCs, die etwas von ihren Sorgen und Problemen preisgeben. Einen Großteil der Beats haben Amun und Serk selbst produziert, was dem Album sehr gut tut. Rapstyle und Musik greifen tief ineinander und verschmelzen zu einer organischen Einheit. Dasselbe gilt übrigens für Amun, She-Raw und Serk selbst. Nach den 14 Tracks hat man den Eindruck, dass die drei ziemlich gut miteinander klarkommen und mit viel Spaß und Ernst zusammenarbeiten.



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