BEWERTEN
 

Diverse

»Tempeltainment Presents: Schlagfaust Nr. 1«

[Tempeltainment / Groove Attack]

Text: Hannes Loh, Hannes Loh

Im letzten Jahr flimmerte einige Male das Video „Keine Menschen“ der Berliner Crew Kaosloge über den Äther. „Schade“, meinte damals ein Bekannter zu mir, „die sind viel zu früh.“ Er behauptete, dass Style und Musik der Kaosloge zu weit entwickelt seien, um jetzt schon vom Publikum als genial erkannt zu werden. Angefixt von diesen orakelnden Andeutungen, besorgte ich mir das gleichnamige Album, das die Gruppe bei ihrem hauseigenen Label Tempeltainment veröffentlicht hatte. Beim Hören schlug tatsächlich das Chaos über mir zusammen wie das letzte Mal vielleicht beim ersten Wu-Tang-Album oder bei Kool Keiths „Dr. Octagon Part 2“. Der Sound war verwirrend, aber genial, der Rapstil erschreckend ungewohnt und voll bohrenden Selbstbewusstseins.

Mir fehlten die Kategorien. Ich hörte hier weder Kool-Savas-Anleihen noch den typischen Berliner Block-Realismus. Diese Typen sind durchgeknallt, wahnsinnig, asozial – auf der einen Seite. Auf der anderen Seite schimmert in ihren Texten immer wieder etwas Geniales, Galaktisches durch. Keine Ironie, eher intelligenter Sarkasmus, kein Humor, eher fantastische Skurrilität. Mit „Schlagfaust Nr. 1“ legt Tempeltainment nun seinen ersten Labelsampler vor, der neben der Kaosloge noch Ninjah, Jolez-Bo, Deutschlands Alptraum und FMR aus Paris featurt. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich allerdings, dass bei 95 % der Tracks des Samplers mindestens ein Kaoslogen-Mitglied mitwirkt. Zudem stammen fast alle Beats von Crew-DJ Pete. Dadurch erhält der Sampler die Geschlossenheit und den spezifischen Sound eines einheitlichen Albums. „Schlagfaust Nr. 1“ setzt den unheimlichen, verwirrenden Ansatz von „Keine Menschen“ fort, allerdings mit einer größeren Entschlossenheit und Konsequenz. Eine Melange aus Verschwörungstheorien (Ritter des Tempels, Mitglied der Loge), Straßenepisoden, irrwitzigen Fiktionen und Battleraps überflutet den unbedarften Ersthörer. Das aufwändige Arrangement der Songs schafft unzählige Details, derer man oft erst nach mehrmaligem Hören gewahr wird. Die Musik kommentiert den anspruchsvollen Rap und umgekehrt. Der Solotrack von Asek, der den Sampler eröffnet, ist das Bissigste und Aggressivste, was ich bisher an Battlerap gehört habe. Die Kaoslogisten setzen jedoch nicht in erster Linie auf Schock und Tabubruch, sondern erzielen ihre Wirkung vor allem aufgrund ihres erbarmungslos guten Styles und der wahnsinnigen Geschichten, die sie erzählen. Mike Fiction z. B. nimmt den Begriff „Hurensohn“ wörtlich und entwirft die verstörende Biografie eines Kindes, dessen Mutter als Prostituierte zu arbeiten gezwungen ist. Auf der anderen Seite setzt Rapperin Ninjah, die von der Stimme her stellenweise an Meli von Skillz En Masse erinnert, mit ihrem lässigen, souveränen Flow groovige Akzente zwischen dem oft sehr aufgeregten und angespannten Männergerappe. „Schlagfaust Nr. 1“ funktioniert als Gesamtkunstwerk und hat ein Potenzial, von dem andere Rapper noch nicht mal träumen können. Tempeltainment steckt mit den Füßen in den dreckigsten Gassen Berlins und mit dem Kopf in einer anderen Galaxie.



Artikel kommentieren
aus Intro #133 (November 2005)
 
  • Mehr Infos

  •  
Alle Artikel von Hannes Loh, Hannes Loh
  • Diese User besitzen die Platte

  •  
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
 
  • WEITERE PLATTEN

  •  
  • » Diverse - Photek DJ-Kicks
  • » Diverse - A Tribute To Japanische ...
  • » Diverse - Sonig Boxset Thing
  • » Diverse - Factory Records: 12
  • » Diverse - »Stimmen Bayerns – Die Liebe«
  • » Diverse - »Stimmen Bayerns – Der Tod«
  • » Diverse - Oh, dieser Sound – Stars...
  • » Diverse - Coming Home By DJ Hell
  • » Diverse - Freude am Tanzen 5zig
  • » Diverse - Werkschau
 
  • ÄHNLICHE PLATTEN

  •  
 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]

 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]

 
  • THREADS ZU DIESEM ALBUM

  •