BEWERTEN
 

Skool's out

»mit Uwe Buschmann«

Text: Uwe Buschmann, Uwe Buschmann

Exile "Pro Agonist" (Planet Mu / Groove Attack) - Tim Exiles Debütalbum ist der eindrucksvollste Wegweiser bezüglich der fraglichen Zukunft vom alten Bastard Drum'n'Bass seit langer, langer Zeit. Mehr noch als auf seinen Maxis löst sich Exile vom Postulat der Floortauglichkeit; nicht wenige Tracks beginnen zunächst noch in einem Stil, der nicht gerade weit vom Ram- oder Bad-Company-Universum entfernt ist, nur um dann in heftigste Distortion abzutrudeln und nicht selten in völlige Madness zu entarten. Insgesamt ein Meisterstück des diabolischen Breakbeat-Meltdown: Man höre "The Devil's Chimney" - danach muss man erst mal duschen oder aber einen Exorzisten konsultieren.

Culcha Candela "Next Generation" (Urban / Universal) - Der Albumtitel steht für die Weiterentwicklung des Culcha-Candela-Sounds.

Früher passierten die verschiedenen Styles oft über mehrere Songs verteilt. Auf den neuen Stücken gehen Sachen wie Reggae, HipHop oder Latin innerhalb eines Songs ineinander über. Der Albumtitel hat aber auch noch eine andere Message. Eine Botschaft an alle, die das Prinzip der Multi-Kulti-Gesellschaft in Deutschland und auch gerade in Berlin für gescheitert halten. Weniger Hass, mehr Utopie. Der positive Culcha-Sound will in den Köpfen der Jugend eine Art Gegenpol zum derzeit rulenden Gangsta-Rap bilden. Ob das auch gelingt?

Vex'd "Degenerate" (Planet Mu / Groove Attack) - 2Step war gestern, fiel zudem sehr schnell kommerzieller Exploitation der ödesten Sorte anheim und wurde quasi in radikal redefinierter Form als Grime wiedergeboren, diesmal (in den guten Fällen) schön eklig-matschig, unpuristisch und subversiv. Noch eine Ebene tiefer gräbt der extrem darke Kaputtstaubsauger-Dubstep von Vex'd, mit dem man - sofern sich gute Subwoofer in Fensternähe befinden - rein theoretisch auch seinen Garten umpflügen könnte. Obwohl "Degenerate" ein Opus von epochaler Sickness genannt werden muss, groovte Industrial nie zuvor so wie hier. Es ist daher wohl auch kein Zufall, dass auf dem Cover die Reiter der Apokalypse proudly presented sind (übrigens via Standfoto aus Friedrich Wilhelm Murnaus "Faust", no less!).

J-Live "The Hear After" (Penalty / Pias) - J-Live ist das Exempel, dass nicht immer alles in den Charts aufgeht - auch wenn es genau so klingt. Er rockt die Party mit abwechslungsreichem Beat und intelligenten Reimen, die immer catchy genug sind, um nicht im zu sperrigen Underground-Segment zu landen. Trotzdem scheint genau das sein Schicksal zu sein. Eine HipHop-Karriere fast wie das richtige Leben. Die Hunde beißen immer den Falschen. Würde mich nicht wundern, wenn J-Live in seiner Kindheit beim Monopoly-Spielen meist nie über die Bad- und Turmstraße hinausgekommen wäre.

µ-Ziq "Ease Up" (Planet Mu / Groove Attack) - Dieser Triple-Tracker mit Live-Favourites von Maestro Mike P dürfte aus den Sessions der letzten µ-Ziq-LP "Bilious Paths" stammen, worauf auch die Breaks-Anthologie auf dem langen VIP-Mix von "Ease Up" hindeutet. Ansonsten ist dieses fulminante Epos mit seinen kapitelähnlichen Segmenten eine Art Hardcore-Sinfonie im Taschenformat.

Aasim "The Money Pit" (All City / Pias / Rough Trade) - Der bisherige Weg lässt sich gut an: Mit 17 Jahren einen Vertrag bei Loud Records unterschrieben, später dann bei Bad Boy Records, und Zusammenarbeiten gab es schon mit Big Pun, Large Professor, Dead Prez und Fat Man Scoop. Und auch bei seinem Album "The Money Pit" bleiben kaum Wünsche offen. Beats, die sich meist wohltuend vom Charts-Einerlei unterscheiden, ohne dabei das Groove-Entertainment völlig zu verlieren. Und ein MC, der gekonnt darüber flowt. Diese Scheibe ist ein Hit - nur hoffentlich bekommt die HipHop-Crowd das auch mit!

Fettes Brot (mit Finkenauer) "An Tagen Wie Diesen" (FBS / Indigo) - Eiertanz ist anders. So etwas gibt's bei den Broten nicht. Fragen, ob das jetzt noch HipHop ist oder nicht, interessieren sie auch schon lange nicht mehr. Vielseitigkeit, die bei vielen anderen Acts meist nur bemüht wirkt, wird hier fast provozierend lässig zelebriert. "An Tagen Wie Diesen" scheint vordergründig die deprimierende Betroffenheitsschiene à la Söhne Mannheims oder Ich & Ich zu bedienen, ist aber bei genauerem Hinhören natürlich ganz anders und 'ne Menge mehr. Neo-realistisches Coverfoto und gelungene Crosspromotion für Finkenauer gibt's übrigens gratis dazu.



Artikel kommentieren
aus Intro #131 (September 2005)
 
  • Mehr Infos

  •  
  • Diese User besitzen die Platte

  •  
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
 
  • WEITERE PLATTEN

  •  
 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]

 

Platten in einem Satz

Platten in einem Satz

Neu bei Intro: Plattenkritiken in SMS-Länge! Die besten "Oneliner" gibt's hier.