BEWERTEN
 

Orange Juice

»The Glasgow School«

[Domino / Rough Trade / VÖ: 09.09.2005 ]

Text: Martin Büsser, Martin Büsser

\"Mit Pubertät zum Erfolg\" lautete ein Slogan von Martin Kippenberger. Dem hatte sich auch eine Gruppe blasser Jungs aus Glasgow verschrieben, an deren beste, weil pubertärste Jahre dieser Sampler nun erinnert. Die 1976 unter dem Namen Nu-Sonics gegründete Band um Sänger Edwyn Collins (ab 1979 Orange Juice) hatte allerdings einen ganz anderen Pubertäts-Begriff als der damals alles dominierende Punkrock: Sie wollten keine wütend schnaubenden Machos sein, keine Abziehbild-Rebellen wie Sid Vicious, sondern lebensfrohe, demonstrativ schüchtern und unbeholfen auftretende Teenager. Zusammen mit Bands wie Aztec Camera und den Go-Betweens kreierten Orange Juice den typischen Sound des Postcard-Labels: Homoerotisches Decadence-Flair, schrubbelige Gitarren und naiv gestaltete \"Schubidu\"-Einlagen, die absichtlich nach Schülerband klingen sollten, wurden zur Urquelle des bis heute erfolgreich im Verborgenen blühenden Wimp-Pops.

Alles an den frühen Aufnahmen von Orange Juice ist hell und klar, ja, glöckchenhell. Keine Dissonanz stört diese Aufnahmen, sehr wohl aber wird immer wieder eine akustische Schlaksigkeit zur Schau gestellt, die mit dem Image des Souveränen bricht. Natürlich entstand auch diese Musik nicht im luftleeren Raum, sondern erinnert gelegentlich an den ebenfalls stets fröhlichen, immer jungenhaften Jonathan Richman, dem der \"Ice Cream Man\" bis heute wesentlich mehr Freude bereitet als Alkohol und Zigaretten. Die hier versammelten Postcard-Singles und Originalversionen des Polydor-Debüts von 1981 besitzen einen Charme, dem sich auch jüngere Hörer wohl kaum entziehen können. Bands wie Belle & Sebastian oder der Queerpop der Hidden Cameras wären ohne die Vorarbeit dieser beherzt lasch auftretenden Band nicht denkbar gewesen. Die betonte Pro-Pop- und Anti-Rock-Attitüde mitsamt allen queeren Implikationen hat auch in politischer Hinsicht nichts an Bedeutung verloren, sondern bildet den Ausgangspunkt für Diskussionen rund um Geschlechterpolitik im Pop, wie sie erst in den letzten Jahren - noch viel zu zaghaft - geführt werden.



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