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»Strobl«
[Grönland / Virgin / Emi]
Text:
Frank Apunkt Schneider,
Frank Apunkt Schneider
In der Neues-Ding-Euphorie um elektronische Musik ab ca. 1994 wurde gerne überdreht mit der Behauptung gewedelt, der Track habe den Song als dominantes ästhetisches Modell abgelöst. Und über den Umweg einer halbherzigen \"1000 Plateaus\"-Rezeption dann die Begründung nachgeschoben: Song sei nämlich irgendwie hierarchisch organisiert, daher böse und gehöre ergo standrechtlich überwunden. So geht das halt mit Büchern, die jeder nennt, aber keiner kennt: Ihr Nichtgelesenwordensein entwickelt ein Eigenleben. Beste Voraussetzungen jedenfalls für die permanente Wiederaneignung des Prinzips Song durch Electronic-Acts mindestens seit der Jahrtausendschwelle.
Im besten Fall als Erweiterung der nun hinreichend ausdifferenzierten Ästhetik, im Normalfall als Rückfall bzw. Abkehr von ihr. So richtig hausbacken z. B. werden
Bombay 1 um Kurt Dahlke a.k.a. Pyrolator (u. a. Der Plan) und einen gewissen Stoya auf ihrer dritten Platte, die zugleich ihre erste Übung in dann aber auch gleich avanciert sein sollendem Songwriting darstellt. Über einer weit ausgezogenen Raumtiefe aus diffusen Gefühlen und einem postertapetenhaften, blutunterlaufenen Himmel, der voller knallhart abgeschmecktem Cellobrummen, Klaviertupfen sowie anderen Atmo-Instrument-Aufwallungen (entweder singende Säge, Theremin oder beides) hängt, stagniert eine angewärmte männliche Singstimme, die plötzlich persönlich geworden ist und entsprechend ihre mehrgängige Laut/leise-Dramaturgie entrollt. \"Strobl\" schlägt bzw. schlurft dabei aber irgendwie eiskalt über die Stränge der selbst anbefohlenen Strenge. Theoretisch läge das ja nahe bei der erschütternden Insichgekehrtheit eines Nick Drake, ist dafür aber zu aufgeschwemmt und hat zu viel von der Aufdringlichkeit konstruierter Unaufdringlichkeit. Quiet is the new Aufwand! Hier atmet noch ein Stück Musik von Hand gemacht und hyperventiliert schon mal dabei, zwischen den Zeilen, versteht sich. Im Getümmel möglicher Einflüsse für gelungene Liedermache klingt diese Platte ausgerechnet wie: Smashing Pumpkins machen ein Tribute-to-Element-Of-Crime-Album (wobei: die frühen, nicht die späten Fink-für-Studienräte-mäßigen) mit einer Tarwater-Produktion und irgendwem von den Walkabouts am Bass. Ich glaube, die Tindersticks wären die gemäße Referenz, habe aber bewusst nichts rumstehen, anhand dessen sich das verifizieren bzw. falsifizieren ließe. Klingt grässlich, ist es aber nicht wirklich. In zwei, drei Stücken bahnt sich plötzlich so ein Indiehit-Schmiss an, und ich bin mir unsicher, ob ich mich eher an Polyphonic Spree oder an Notwist erinnert fühlen sollte. Und in einigen versprengten - den bei weitem besten! - Passagen gibt sich die Electro-Abkunft des Projekts noch anhand von gesangsweise zugecroonten Soundcollage-Schründen zu erkennen. Das hat dann beinahe einen leichten Late-Scott-Walker-Anflug. Aber insgesamt ist mir das alles zu grundsolide und gut gemacht (was ja bekanntlich das Gegenteil von gut ist). Zu delikat in einem Feinkostsinne. Diese Musik hat mir entschieden zu viel Persönlichkeit (ein altbewährter Mikrofaschismus, aber das nur so nebenbei ...). Ansonsten fehlt dieser Platte vielleicht nur ein wenig Abstand von sich selbst. Mir ja sowieso.
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