BEWERTEN
 

Doc Schoko

»Große Straße«

[Louisville / Universal / VÖ 8.8. / VÖ: 08.08.2005 ]

Text: linus volkmann, linus volkmann

“Gute Platten müssen polarisieren!” Solche Phrasen hören wir gern von Christian Ströbele, während er seine Haschzigarettenspitze vorne an seinem Hosenbund wetzt. Recht hat er. Die komplette Frauenaktion unserer Redaktion steckt sich demonstrativ viele Finger in Richtung Mund. Sie wollen zeigen, sie müssten bei so Platten wie der hier brechen. Ich finde, das Gegenteil ist der Fall. Man muss nichts brechen. Ich kriege komischerweise von den Riot-Grrrlz trotzdem was aufs Maul. Egal, immerhin einer versteht einen: Doc Schoko. Wer ihn bisher nur als komische Berlin-Irgendwas-Type kennt, der mal hier, mal da mit Elektro-Dingdong auftauchte, hat zwar gut aufgepasst, ist aber bezüglich dieses Albums komplett auf dem Holzweg.

Nichts wäre ja hier und jetzt leichter und nutzloser, als noch eine öde Platte mit Deutschpop-Geschmeidigkeit abzugeben. Macht Doc auch nicht. Es geht vielmehr viehisch los mit etwas, das verschärft an Deutschpunk erinnert – Toxoplasma oder (die teilweise sogar beteiligten) S.Y.P.H. Statt Gefälligkeits-Ballaballa gibt es plötzlich auf einer Platte echte Slogans und intensive Fundamentalopposition gegen Staat und entfremdetes Leben. Das Individuum gegen die “Hundertschaft!”. Wow, Punk! Und weil clevere Punks wie Schoko immer schon die geheimsten und größten Fans von Humanismus waren, singt er auch voller Häme und Underdog-Stolz: “Väter der Armut, Wächter des Hasses. Soll ich euch grüßen – ich glaube, ich lass es!” – “So tief dürft ihr nicht sinken, den Kakao, durch den sie euch ziehen, auch noch zu trinken!” heißt das ja ähnlich bei dem alten Punk Erich Kästner (Zitatquelle: Gedächtnisprotokoll).

Die Punkdringlichkeit der ersten Lieder löst sich dann nach “Kleiner Frosch” etwas auf zugunsten von verspielten Ata-Tak-Miniaturen, die in Zeilen gipfeln wie “Du kannst mich nicht ausschalten, du hast mich nicht angemacht!” Absolut gelungen. Dafür riskiert man gern mal, von den Kolleginnen vermöbelt zu werden. Die lagen wohl halt nur noch nie unter einem Wasserwerfer und hassen scheinbar Toxoplasma. Sei ihnen ja gegönnt, so ist das halt in der Polarisierungsszene.



Artikel kommentieren
aus Intro #130 (August 2005)
 
  • Mehr Infos

  •  
  • Diese User besitzen die Platte

  •  
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
 
  • WEITERE PLATTEN

  •  
 
  • ÄHNLICHE PLATTEN

  •  
 
Anzeige
 

Platten in einem Satz

Platten in einem Satz

Neu bei Intro: Plattenkritiken in SMS-Länge! Die besten "Oneliner" gibt's hier.