BEWERTEN
 

Björk

»The Music From Drawing Restraint 9«

[Polydor / Universal]

Text: Felix Klopotek, Felix Klopotek

Vielleicht findet man den besten Zugang zu dieser Musik über etwas, was ihr und dem Film, dem sie dient, ganz und gar fremd scheint: über ein Politikum. \"Drawing Restraint 9\" ist ein opus magnum von Björks Partner, dem Superstar-Künstler Matthew Barney. Es ist ein Film und gleichzeitig Teil eines Werk-Zyklus', bestehend aus Zeichnungen, Skulpturen, Videoarbeiten und Performances. Im Film geht es um die Reise eines Walfangdampfers, um aus Petroleum gewonnene Energie, um traditionelle japanische Kultur, um die Verwandlung von Menschen in Wale. Es wird ein Walfang gezeigt, und dem Reporter der Süddeutschen Zeitung, der die Isländerin nach ihrer Beziehung zum Walfang fragt, entgegnet Björk: \"Ich erinnere mich noch, als die ersten Greenpeace-Boote nach Island kamen, Leute aus Stuttgart oder Frankfurt, aus Gegenden, die verrottet und zerstört sind.

Die kletterten aus ihren Booten an unsere sauberen Strände und erklärten, wie wir uns der Natur gegenüber zu verhalten hätten. Das fand ich kurios.\" Das ist also das Politikum. Björk zieht etwas durch den Kakao, was zum ausgeglichenen Moralhaushalt des Bundesbürgers zählt. Auf dem Soundtrack, den sie produziert, überwiegend geschrieben und arrangiert hat und auf dem sie auch als Sängerin zu hören ist, schlägt die abwehrende Haltung gegenüber Zumutungen des westlichen Umweltbewusstseins (mögen sie gerechtfertigt sein oder nicht) selbst in etwas Kurioses um: Die CD beginnt mit einem Gesang Will Oldhams (!), der einen Brief rezitiert, in dem ein Japaner sich bei dem amerikanischen Weltkriegsgeneral Douglas MacArthur dafür bedankt, dass dieser das Walfangverbot für Japaner wieder aufgehoben hat. Eine bizarre Szenerie.

Motiv von Barney und Björk ist, den Eigensinn traditioneller Kulturen und Mythen zu betonen und zu respektieren. Der kuriose Dankesbrief ist dann gar nicht mehr so kurios, sondern klingt in der Darbietung von Palace Brother Will Oldham schlicht erhaben. So funktioniert auch der ganze Soundtrack. Die Tracks sind jeweils einem Motiv untergeordnet: dichte Bläsermotive; das schnelle Ein- und Ausatmen der Perlentaucherinnen, das elektronisch bearbeitet und rhythmisch verfremdet wird; die Klangbänder der Sho, der ostasiatischen Mundorgel. Dadurch, dass sich die Kompositionen monothematisch entwickeln und behutsam entfalten (sie sind nicht zugänglich, aber trotzdem sehr transparent), tritt der Eigensinn dieser Musik, die kein Pop ist, keine traditionelle Musik, keine Avantgarde, umso stärker hervor.

Man muss das nicht mögen, genauso wenig, wie man Björks Äußerungen zum Walfang goutieren muss. Man kann die Musik ganz einfach kitschig finden. Es bleibt letztlich offen. Darin liegt die einzige nicht-kuriose Stärke dieser Musik.



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aus Intro #130 (August 2005)
 
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