Unten
»mit Ulf Imwiehe«
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Ulf Imwiehe,
Ulf Imwiehe
An Angle \"We Can Breathe Under Alcohol\" (Drive-Thru / Rough Trade) - Ein bisschen stompender als noch auf dem erst kürzlich an dieser Stelle gewürdigten großartigen Debüt (Intro #126) lassen Kris Anaya und Freunde es zu Beginn ihres zweiten Albums angehen, nur um im Folgenden ihre Trademarks - torkelnd verschmitzten Indie-Folk-Pop und herrlich strubbelige Gesangslinien - noch elegisch verschlafener und minimalistischer als je zuvor abzuarbeiten. Leider ist die Musik zum Teil fast schon zu skizzenhaft in ihrer Sparsamkeit und bleibt somit etwas hinter den hoch gesteckten Erwartungen zurück. Ändert aber nichts an der Tatsache, dass sich Kris Anaya erneut als fesselnder Storyteller präsentiert, der mit Vorliebe den Suff und alles, was an Traurig-Skurrilem davor und danach kommt, aufs Detaillierteste verhandelt.
Crooked Fingers \"Dignity And Shame\" (Fargo / Indigo) - Der viel geliebte ehemalige Archer-Of-Loaf-Held Eric Bachmann aus Seattle zelebriert seinen ebenfalls entspannten und stromarmen Indie-Pop-Entwurf auf dem vierten Album seiner Band Crooked Fingers ungleich kraftvoller. Im Gegensatz zu früheren Veröffentlichungen klingen die neuen Kompositionen deutlich weniger orchestral und gewinnen durch diese Verschlankung immens an Substanz. Noch prominenter ausgestellte Latin-Einflüsse als auf den Vorgängern verleihen den angenehm simplen, gerne auch mal countryesken Songs eine mitunter schwermütige Atmosphäre, die für die Bühne so geeignet ist wie als Soundtrack zum Lebensentscheidungen-Treffen.
Tias Carlson \"What I Have Gathered From Coincidence\" (Blackstar Foundation / Cargo) - So schön obige Alben auch sein mögen, das fantastische Debüt des Schweden Tias Carlson überholt sie aus dem Stand und blickt dabei noch versonnen den im Abendlicht vorbeiflatternden Schmetterlingen hinterher. Überwiegend akustisch instrumentierte Sehnsuchts-Dramolette massieren am offenen Herzen und changieren zwischen effektvollem Minimalismus und sahnig-hymnischer Opulenz. So bezaubernd naiv wie beiläufig traurig schwebt Tias durch den schwedischen Sommer und besingt die Ups und Downs des Lebens, von einer nebulösen Aura jugendlicher Weisheit umgeben, als kenne er im Schmerz verborgene Geheimnisse, die jenen, die Melancholie mit Depression verwechseln, für immer verschlossen bleiben.
Hanne Hukkelberg \"Little Things\" (The Leaf Label / Indigo) - Im schönen Norwegen ist die 26-jährige Hanne Hukkelberg zu Hause, die mit ihrem ersten selbst geschriebenen Album ein echtes Glanzstück in Sachen freundlich-verdaddelte Pinocchio-Tronics erschaffen hat. Wie eine Band aus lebendig gewordenen mechanischen Spielzeugen mit kleinen Macken spielen (und zwar im ursprünglichen Sinne des Wortes) sich die Sängerin und ihre Musiker durch Kompositionen, die immer ein bisschen verschroben, quasi-jazzig zwischen kunsthandwerklerischem Understatement und Komplexität variieren, dabei jedoch nie das reine Feeling der Virtuosität unterordnen. Oberflächlich niedlich und, besonders dank des enorm emotionalen Gesangs, mitunter diese Art kuschelpulloverige Intimität verbreitend, die von vielen immer noch mit skandinavischer Musik assoziiert wird, handelt es sich hier um eine faszinierende Sammlung schlauer und verspielter Songs, die neugierig auf mehr, viel mehr machen.
Hrsta \"Stem Stem In Electro\" (Constellation) - Komplexität ist auch das Stichwort für den Gitarristen und Sänger Mike Moya (u. a. ehemals Godspeed You! Black Emperor), der hier das zweite Album seiner Band Hrsta vorlegt, nein, feierlich enthüllt. Ausladend und schwebend, beunruhigend intim und zerbrechlich, majestätisch und bedrohlich malmend - all das, was man bei Moya und seiner musikalischen Biografie erwarten kann, birgt dieses wunderschöne Klangmonstrum und überrascht doch immer aufs Neue mit unerwarteten Wendungen und Mutationen. Zeitloser Prog-Core mit weit ausholender Gestik, großem Gefühl und Sounds, die sich wunderbar in Hirn und Gedärm bohren: Das ist Ganzkörpermusik in Vollendung für alle Synästheten und Seelenstripper.
Doubleman \"Lick ...\" (Platinum / Al!ve) - Rock around the gitarrenbewehrte Vergangenheitsaufarbeitung. Eine soulig-furiose Reise durch die Geschichte des Dad-Rock unternimmt das Pariser Duo Doubleman hier, und das Ganze klingt entsprechend retro und penibel-authentisch, versprüht dabei aber vor allem dank des hervorragenden Gesangs ausreichend Energie, um zumindest neugierig auf die Live-Umsetzung der Songs zu machen. Eindeutig eine Platte, die nach Bier, Schweiß und Arschwackeln in ekstatischen Menschenmengen verlangt, so wie Dutzende andere wertkonservative Veröffentlichungen dieser Richtung auch. Innovativ ist hier nicht eine einzige Strophe, wirklich langweilig aber auch nicht.
Disco Drive \"What's Wrong With You, People?\" (Unhip / Hausmusik) - Eine wirklich gute Frage stellen diese italienischen Racker da im Titel ihres Debütalbums und liefern den Soundtrack zum ausgelassenen Genervtsein von der muffeligen Restmenschheit in entsprechend sexy-brachialer Manier dazu. Funky auf bollerig spröde Post-Punk-Art, inklusive eckig treibender Grooves, klirrender Gitarren-Miniaturen und wohldosierter Vokalhysterie, dürfte der geile Scheiß hier jede Baggersee-Fete ebenso in Brand setzen wie die Dancefloors und Konzertsäle dieser Welt.
Decibully \"Sing Out America\" (Polyvinyl / Rough Trade) - Das dritte Album dieses Septetts aus Milwaukee, das nicht nur zu den am meisten tourenden ever gehört, sondern auch noch unter einem der besten Bandnamen der Welt firmiert, besticht durch die konsequente Verfeinerung all jener Charakteristika, die die Fanschar mit jeder neuen Veröffentlichung und jedem Konzert wachsen lassen: als indiepoppiges Potpourri schwelgerisch schluchzender Slide- und Steel-Gitarren, knorrigen Country-Mobiliars und zeitlos schön versponnener Melodien, eingebettet in laid back Grooves, die sich mitunter gar hemmungslos dem (Miniatur-) Bombast hingeben, nimmt diese Musik das kleine Hörerlein mit hinauf, nach hoch droben, von wo Decibully über die Lande blicken, deren Schönheit und Wunderlichkeit der Bewohner besingen - und manchmal wird auch von oben auf die Köpfe gespuckt.
The Mutts \"Life In Dirt\" (Fat Cat / Pias) - Tja, und dann kommen vier Typen aus Brighton des Weges gehoolt und knattern jegliche Erhabenheit und schwebenden Glanz in Grund und Boden. Und man kann ihnen noch nicht einmal böse sein, im Gegenteil. The Mutts poltern sich mit einer unbekümmerten Vehemenz durch den speckig-abgehangenen Rock'n'Roll ihres Debütalbums, dass so manch Altvorderer im Gedenken an die MC5 und Genossen das eine oder andere stille Tränchen wegblinzeln mag. Dem Titel gemäß dreckig macht die Band klar, dass sie mit feinsinniger Kunstkacke nichts zu schaffen hat, und setzt stattdessen schonungslos auf Abfahrt und auf in your fuckin face. Siehste mal wieder: Mit den Schmuddelkindern zu spielen macht doch einfach immer noch am meisten Spaß.
Kinski \"Alpine Static\" (Sub Pop / Cargo) - Verdammt, das hat gedauert. Nach Ewigkeiten gibt es endlich wieder ein neues Album dieses wundervollen Freak-out-Komitees aus Seattle, und - Julian Cope sei mein Zeuge - das Warten hat sich gelohnt. Krautig, ohne je im Drogensumpf Schiffbruch zu erleiden, kraftvoll riffig, aber nie stumpf muskulös, spacig verfrickelt bei gleichzeitiger Vermeidung pilliger Beliebigkeit: Der rein instrumentale, tonnenschwer schwebende Monumental-Rock Kinskis gehört einfach zum Intensivsten und Differenziert-Kraftvollsten, was es auf dem Sektor \"Black Sabbath meets Hawkwind beim Pilzesuchen mit Kyuss\" momentan so gibt, und beweist aufs Neue, dass Headbangen und Klänge-Schmecken schon immer hervorragend zusammenging.
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