BEWERTEN
 

Matthew Herbert

»Plat Du Jour«

[Accidental / Rough Trade / VÖ 4.7. / VÖ: 08.08.2005 ]

Text: Martin Büsser, Martin Büsser
[11 Kommentare]

Die scheinbar harmloseste Betätigung, nämlich Nahrungsaufnahme, entpuppt sich als das größte Politikum. Unsere Entscheidung darüber, was wir essen, hat Auswirkungen auf die zentralen ökonomischen und ökologischen Prozesse dieser Welt. Darum hat Matthew Herbert ganz England bereist, um Nahrungsmittel oder das, was mit ihnen zusammenhängt, aufzunehmen und als Samples zu verarbeiten. All seine Stücke erzählen davon, dass das, was wir essen, eine Herkunft hat, die unmittelbar mit globalen Ausbeutungsprozessen zu tun hat. Herbert erzählt dies mal wieder fast ohne Worte, in karge, oft tanzbare Tracks verpackt, deren Intention erst über das Beiheft oder den Blick auf Titel wie \"Hidden Sugars\" und \"An Empire Of Coffee\" klar wird.

Im Auftakter werden die Geräusche von 30.000 eng zusammengepferchten Hühnern denen von 40 frei laufenden gegenübergestellt, die letzte Nummer rekonstruiert dagegen exakt das Menü, das George Bush und Tony Blair zu sich genommen hatten, als Bush sich für Blairs Irakkrieg-Unterstützung bedankte. Herberts Methode, politische Sachverhalte alleine über Sounds auf dem Dancefloor zu verhandeln, ist musikalisch nach wie vor Gewinn bringend, inhaltlich aber stets verkürzt. Lange Zeit hat man nicht geglaubt, dass elektronische, textfreie Musik ähnlich wie Politrock so etwas wie Slogans produzieren könnte, doch die Gefahr besteht, dass sich \"Plat Du Jour\" sloganhaft lesen lässt. Der Fotograf und Konzeptkünstler Alan Sekula hat mit seiner \"Fish Story\" die globalen Ausbeutungsverhältnisse im Seehandel herausgearbeitet. Eine ertragreiche Auseinandersetzung war ihm nur dank eines ausführlichen, mit zahlreichen nüchternen ökonomischen Fakten arbeitenden Beitextes möglich. Herbert dagegen muss komplexe Sachverhalte notgedrungen verkürzen und läuft so Gefahr, zum Michael Moore der Club Culture zu werden. Tracks wie \"The Truncated Life Of A Modern Industrialized Chicken\" sind auch für jene Ökofaschisten missbrauchbar, die Legebatterien mit Konzentrationslagern vergleichen. Das Problem ist bei Herbert eines der Vermittlung, im Fall von \"Plat Du Jour\" nicht eines der Intention, denn natürlich gilt es, Massentierhaltung und Hungerlöhne für Plantagenarbeiter abzulehnen. Ob der Schmerz anderer jedoch tanzbar sein sollte und sich darüber kritisches Bewusstsein einstellen kann, ist wiederum eine ganz andere Frage.



Artikel kommentieren
 
  • Mehr Infos

  •  
  • Diese User besitzen die Platte

  •  
 
 
  • User: Scatterheart
  • Scatterheart 20.07.2005 | 21:17:11

    Die wirklich allererste Herbert-Produktion mit der ich meine Probleme habe.

  • User: wendi
  • wendi 20.07.2005 | 22:58:12

    Celebrity find ich paßt musikalisch nicht in das Album, was nicht heißen soll das das nicht ein spitze Track ist, vielleicht gerade deshalb.

  • brotvielfalt 21.07.2005 | 01:40:50
    Flitzpiepe
    Ich habe nur die 12", ist aber toll.
    Das Konzept gefällt mir als kulinarisch interessiertem natürlich besonders.

  • brotvielfalt 21.07.2005 | 02:15:22
    Flitzpiepe
    Die Kritik kann ich nachvollziehen. Allerdings überbewertet sie den guten Herbert und seine "Massen"wirkung ein wenig. Wer sich ernsthaft mit dem Thema befassen will, sollte lieber ein gutes Buch (z.B. Ullrich Fichtner-Tellergericht) lesen oder in den nächsten Bio- bzw. Feinkostshop marschieren.

  • User: Klangjunge
  • Klangjunge 21.07.2005 | 09:52:43

    ich hab' mir das live angetan... und muss leider sagen, daß das überambitionierte Kunstkacke war.

    Ich mag die Musik von Herbert, aber der Typ selbst, naja

    Brotvielfalt hat's gesagt.

  • User: wendi
  • wendi 21.07.2005 | 10:17:11

    ich hätte ihn gerne mal als "radio boy" gesehen, doch die "überambitionierte kunstkacke" wollten wohl zu viele sehen, wir sind ins robert johnson nicht mehr rein gekommen !

    insgesamt ist der gute mann doch eher sympatisch.

    zum album:
    » Link

  • User: lamb
  • lamb 21.07.2005 | 10:37:39
    schreibt
    auf jeden fall ist matthew herbert sympathisch. allein das letzte interview in der groove war doch großartig!

  • brotvielfalt 21.07.2005 | 23:24:18
    Flitzpiepe
    @Klangjunge:
    Ich meinte ja nur seine nicht vorhandene Wirkung auf die blöden Massen. Da ist die Plattenkritik über's Ziel hinausgeschossen. In gewissen Kreisen hat er natürlich schon einen sehr guten Ruf, vermutlich zurecht.
    Zwar fand ich seine Sachen nie so richtig geil, aber es gibt schlechtere Idole.

  • User: Sonja Müller
  • Sonja Müller 22.07.2005 | 08:13:01

    wie kann ich mir das album denn genau vorstellen? beschreibt doch mal.

  • mensch_maschine 22.07.2005 | 08:59:59

    ist wie das matmos -a chance to cut is chance to cure abum, nur in schlechter und mit dem versuch da mehr harmonisches und 'breitenwirksames' profil reinzubringen. ich bin eher enttäuscht, obwohl es auch schon schöne momente hat, das will ich hier gar nicht verneinen

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
 
  • Nächste Tour-Termine

  •  
 
  • WEITERE PLATTEN

  •  
 
  • ÄHNLICHE PLATTEN

  •  
 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]

 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]

 
  • THREADS ZU DIESEM ALBUM

  •