BEWERTEN
 

Weit hinten

»mit Frank Sawatzki«

Text: Autor unbekannt

Statt eines Intros mehr Platten. Nicht für jedes Jahr 20, wir sind nicht die Diskothek der Süddeutschen Zeitung. Wir starten keine Pop-Edition, wir haben ja Mark Stewart.

Mark Stewart \"Kiss The Future\" (Soul Jazz / Indigo) - Man kann bei Mark Stewart ziemlich viel Einflussreiches und Prägendes, ein Pfund an Pioniertaten finden, wenn man die Popmusik der letzten 25 Jahre durchgeht. Selbiges ist auch auf dieser Zusammenstellung der Fall. Angefangen bei der Pop Group: die erste offizielle Amalgamierung von Dub und Punk und Pop und Funk, die über ihre Zeit wuchs und bis in die aktuelle Post-World-Szene reicht. \"We Are All Prostitutes\" ist natürlich auch drauf.

Stewart steht mit seiner Pop Group als Pate aller dfas und LCD Soundsystems der Welt da, er fuhr eines Tages mit der Sugarhill Gang in die Garage und kam später mit The Maffia und der Sherwood-Mischpoke wieder heraus. Er hat auch neue Stücke auf diese Zusammenstellung gepackt.

Ana Y Jaime \"Es Largo El Camino\" (Amort) - Diese Platte beantwortet in knapp 40 Minuten nicht weniger als eine essenzielle Frage: Warum wollen wir immer mehr Popmusik (wo wir doch schon so viel haben)? Weil wir an die Vorstellung zu glauben bereit sind, dass es weit hinten noch Geheimnisse gibt, die kein Incredibly-Strange-Music-Reader vermerken kann. Exklusiv für dich, mich und 273 Sammler von interessanter Musik: bislang hochgeheime Aufnahmen aus den Psychedelic-Beat-Tresoren Kolumbiens. Das vorliegende seltsame Objekt der Phantastereien wurde aufgenommen von Ana und Jaime González, laut Label gerade mal 15 und 17 Jahre jung damals. Wie Psycho-Pop auf Latin Beats geht, was Protest-Folk mit der Sehnsuchtsmelodie (spanisch) zu schaffen hat - all das erwartet man hier. Der allerbeste Moment dieser Platte aber war kurz nach dem Auspacken und vor dem Abspielen.

Bobby Darin \"Beyond The Sea - The Very Best Of\" (Rhino / Warner) - Wer Kevin Spacey in \"Beyond The Sea\" hat Bobby Darin singen hören, fragt aus dem Schatten der Illusion: Und so war er wirklich? Darin war der Rock'n'Roller mit \"Splish Splash\", der Swing-Onkel für die Wohlstandspapis und der Part-Time-Crooner, der größer als Sinatra werden wollte. Er war so allerhand. Und in allerhand gut. Später sang Darin Songs von Tim Hardin und Bob Dylan, und darin klang Bobby (nun: Bob) Darin eben wie Bobby Darin, was allgemein als Zeichen künstlerischer Substanz gewertet wird. Die Musik wächst über den Film: Teen-Bobby, Heartbreak-Darin, Hollywood-Märchen bis zum Absturz, zu viel für eine Platte. Deshalb: zwei.

The Pearlfishers \"Young Picnickers\" (Marina) - Rettet-den-Sommer-Musik! So viel Ba-ba-bas spielte keine noch so schottische Band 1998, keine spielte ihren Brian Wilson mit solcher Emphase. Das muss man natürlich mögen. Drei Extra-Tracks zum Nochmehrmögen sind diesem Softpop-Semiklassiker nun hinzugefügt, derer zwei die Campfire-Seite der Pearlfishers vorstellen. Das Cover zeichnete Moritz R (Der Plan).

Bobby Conn And The Glass Gypsies \"Live Classics Vol. I\" (Thrill Jockey / NTT) - Man muss Bobby Conn bewundern für die Chuzpe, sich in seinen Songs komplett zu verlieren, in den Feedbacks des Abends, im kaputten Funkfakerock, in dem radioaktiven Musical-Mist. Wir hören: Bobby als Human-Beat-Box und als Prince-Double, der Gitarrist spielt Metal-Metastasen. Wir empfehlen: Bobby sehen, wenigstens hören und sterben! Vielleicht nämlich, meint Bobby Conn, haben die Glass Gypsies irgendwann keine Lust mehr, live zu spielen, vielleicht sterben sie an den Folgen ihrer Radioaktivität. Und dann hätte niemand die Chance, \"Winners\" oder \"Baby Man\" zu hören.

Diverse \"New Thing\" (Soul Jazz) - Und sie schreiben fort, sie fügen zusammen und malen nach Musik; diesmal hat die Forschungsabteilung von Soul Jazz zwei CDs mit afroamerikanischer Aufbruchsmusik zu Tage gebracht. Thema dieser hochangesehenen Arbeit: der Moment, als Jazz aus sich heraustrat - bei Sun Ra war das schon in den 50ern, bei allen anderen eher so ab den 70ern - in Richtung Science-Fiction, Klassik, Indien und Spiritualität. Der Jazz der formal befreiten John-Coltrane-Schule ist prominent (und familiär) vertreten mit Alice Coltrane, Art Ensemble Of Chicago und Rashied Ali, an anderen Stellen spielen unbekannte Linksfüße Rasenschach unter erheblichen Schürfgeräuschen.

The Ian Campbell Folk Group \"The Times They Are A-Changin'\" (Castle / Sanctuary / Rough Trade) - Menschen, die ihre Sonntagnachmittage damit verbringen, das Früh- mit dem Spätwerk von Fairport Convention zu vergleichen, werden bei Erwähnung der Ian Campbell Folk Group leuchtenden Gesichts zwei Namen runterbeten: Dave Swarbrick und Dave Pegg (tauchten beide später bei den Fairports auf). Die Geschichte vor der Geschichte des britischen Folk-Booms (und der Rolle, die der Amerikaner Joe Boyd darin spielte) beginnt mit der Ian Campbell Folk Group, die 1964 ihr erstes Album veröffentlichte. Sie weist erstaunlich viele Facetten auf: schottische Traditionals, Pete-Seeger- und Bob-Dylan-Stücke, eine stille Version von \"Dirty Old Town\", ein bosnisches Volkslied mit neuem Text. Und wenn man Ian und Schwester Lorna Campbell wechselnd singen hört, darf man schon an Ian & Sylvia und The Mamas & The Papas denken. Einen Ausblick aufs erste Fairport-Album bieten die Campbells allemal. Ihr Spätwerk verliert den Swing. Doppel-CD, 62 Tracks, anthologische Aufmachung!

TP Orchestre Poly-Rythmo \"The Kings Of Benin - Urban Groove 1972-80\" (Soundway / Groove Attack) - Die Discografie der Benin Rhythm Kings umfasst ca. 50 Longplayer und 100 Singles, nur Fela-Kuti-Aficionados zucken da munter mit den Mundwinkeln. Es gibt Tracks auf dieser superfeinen Zusammenstellung, die eine enge Verbindung zum Erlöser-Beat des überlebensgroßen Kuti aufweisen, Poly-Rythmo haben Anfang der 70er in den Emi-Studios von Lagos im Nachbarland Nigeria aufgenommen, und das war schon die halbe Miete für den soul craze jener Tage. Die andere Hälfte hieß Yehouessi Leopold, der Tony Allen der Musikszene Benins: Er schenkte all den Beats, gleich, ob Rumba, Highlife oder Afro-Jazz in James-Brown-Hörweite, diesen Extra-Jive. Einmal taucht aus der polyrhythmischen Wundertüte eine Art Big Beat auf, der Fatboy Slim die Tränen aus den Augen übers Frühstücksei treiben würde.

Martin Böttcher \"Die Großen Film- Und TV-Melodien\" (Warner) - Raumgestaltung de luxe. Als noch niemand richtig Easy Listening buchstabieren konnte, hatte Martin Böttcher eine Reihe von Filmen und TV-Serien mit samtenen Streicherteppichen ausgelegt, auf denen Derrick und Pater Brown schwere Vergehen an Leib und Seelen erforschen konnten. Nach Peter Thomas und Horst Jankowski mal wieder ein Mann unseres Vertrauens, raffiniert und rührend zugleich. Wie ein Nachmittag vor der Glotze deiner Siebziger. Oder: the sound of Karl May. Ja, und die Rosie Singers und die Sunnies und die Cornels haben auch mitgetan. Dank an die Archivare von Telefunken.

Judee Sill \"Judee Sill\" & \"Heart Food\" (Beide Rhino / Import) - Die erste Künstlerin, die ein Album auf David Geffens Asylum-Label veröffentlichte. Pedal Steel, Streicherquartette, Piano, akustische Gitarre - die Zusammenstellung war Anfang der 70er doch etwas ungewöhnlich, nicht Rock, nicht die reine Lehre der Singer/Songwriter. Wie so oft: Das Album erhielt gute Kritiken, die Interpretin fand Erwähnung für ihre lyrischen Grenzgänge und spirituellen Liedtexte - die Verkaufszahlen aber: nicht der Rede wert. Man muss jetzt nicht direkt den Vergleich mit Nick Drake starten, aber auch ihr perfekt arrangiertes und vokal austariertes Folgealbum \"Heart Food\" blieb ohne Erfolg. Musik im ständigen Fluss zwischen Himmel und dem bisschen Erde, das man vielleicht noch hat, wenn man zu viele böse Drogengeschichten hinter sich hat. Letzte Meldung: Judee Sill starb an einer Überdosis Heroin, das war 1979. Noch will keiner diese Alben in Deutschland veröffentlichen.

The Slits \"Live At The Gibus Club\" (Castle / Sanctuary / Rough Trade) - Jetzt, wo Ari Up das Album in Culture-Clash-Nähe zu M.I.A. aufgenommen hat, werden Blogger-Gemeinden sich die Köpfe über die Slits heiß reden dürfen. Erst mal durch die Punk-Annalen surfen! Das hier sind Live-Tracks aus dem Pariser Gibus Club von 1978, mehr Punk als der Dub-Minimalismus, der sich auf Platte breit machte. Alle wollten sie die Slits damals, allen voran der idiotische Malcolm McLaren, der ein paar Sex Pistolettchen suchte, aber die Slits sagten, dass sie nobody's darlings seien. Das ist auch die beste Beschreibung dieser Platte.



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aus Intro #129 (Juli 2005)
 
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