The White Stripes
»Get Behind Me Satan«
[Beggars Banquet / Indigo / VÖ: 06.06.2005 ]
Text:
Carsten Schumacher,
Carsten Schumacher
Okay, beim letzten Mal haben sie uns einen Elefanten durchs Dorf getrieben. Das Getöse war bis in die Discos zu hören. Doch was tun, wenn man erst mal als Deep Purple dasteht? \"Seven Nation Army\" - dieser Riff hängt jetzt in der Rock'n'Roll Hall Of Fame neben \"Smoke On The Water\". Wie konnte das nur aus dieser seltsam entrückten
Drei-Farben-Band herausbrechen? Was ein Glück, dass wir eine Ausgeburt an Sturheit sind und diebische Freude daran haben, in einer typischen Give the people what they want-Situation einfach zu verschwinden, um an unerwarteter Stelle wieder aufzutauchen, mögen sie sich da gedacht haben - hunderte Male \"Seven Nation Army\" später.
Doch warum sollte das fünfte Album eigentlich nicht mit drei anderen Instrumenten als den üblichen beginnen? Jack White entscheidet sich diesmal für Piano, Akustik-Gitarre und Marimba, wodurch sich das Duo unweigerlich von einem bluesgetränkten Früh-70er-Hardrock-Feeling verabschiedet, um sich wieder stärker in die Vergangenheit zurückzuziehen. Jack ist ein Punk, und als solcher weiß er, dass es nicht viel braucht, um alles sagen zu können - ein Rezept, das für die White Stripes immer zum Ziel geführt hat und für das in der Musikgeschichte schon immer Paten zu finden waren. Nach 14 Tagen stehen 13 Songs genauso fertig da, wie sie gebraucht werden. Nur drei von ihnen tanzen nach der Pfeife einer elektrischen Gitarre. Zwei Wochen später können Fans die erste Single \"Blue Orchid\" bei iTunes herunterladen. Beck äußert sich nach diesem Husarenstück beinahe neidisch gegenüber der Presse und fordert dort von den Platten-Majors, die Musik viel schneller zu den Fans zu tragen. Und als er noch wutschnaubend darüber nachgedacht haben wird, dass Pop verderblicher Ware gleichkommt, die auf keinen Marketingplan warten kann, liegt dem britischen NME schon der erste Leserbrief zur neuen White-Stripes-Platte vor. \"Smeg and Crap\" werden Meg und Jack da genannt von einem Fan, der sich wahrscheinlich lieber ein \"Eight Nation Army\" gewünscht hätte. Woher sollte er auch wissen, dass es bei dem Album eigentlich um die Entdeckung von \"Charakteren und des Ideals der Wahrheit\" geht? Dass der Titel aus dem Matthäus-Evangelium stammt, wo ihm der Satz \"You are a stumbling block to me; for you are not setting your mind on God's interests, but man's\" folgt? Dass Ideen manchmal schnell geboren und verbreitet werden können, zuvor aber unter Umständen lange reifen mussten? Nehmen wir so z. B. jene wüste Stalker-Story, in der Jack White die Filmdiva Rita Hayworth (berühmt in den 40er-Jahren, verheiratet mit Orson Welles) belästigt und die ähnlich kippt wie Eminems \"Stan\", um schließlich im Psycho-Chorus \"Take! Take! Take!\" zu gipfeln. Spooky. Oder \"Passive Manipulation\", mit 32 Sekunden das kürzeste Stripes-Stück ever, in dem Meg in einer Art 50er-Jahre-Unschuld anmahnt: \"Women, listen to your mothers / Don't just succumb to the wishes of your brothers / You need to know the difference between a father and lover.\" Wieder ein Spiel mit dem Thema Inzest? Geh wieder dahin, wo ich dich sehen kann, Satan!
Es gibt viel zu entdecken auf dem wohl dichtesten, auf jeden Fall aber abwechslungsreichsten Album der White Stripes. \"I'm Lonely (But I Ain't That Lonely Yet)\" hätte Jack z. B. auch Loretta Lynn anbieten können (wenn die ähnlich gut singen könnte), bei Stompern wie dem \"Instinct Blues\" darf Meg mal wieder ordentlich die Becken verdreschen, andere Nummern sind fast funky (\"The Denial Twist\" - tolles Beispiel für die Wirkung eines lachenden Sängers), wieder andere Shaker-Terrain. Im letzten Song, dem groovy \"Forever For Her (Is Over For Me)\", singt Jack die Zeile \"Let's do it / Let's just get on a plane and do it\". Nur wenige Wochen später heiratet er auf einem Kanu im Dschungel Südamerikas das Model aus dem \"Blue Orchid\"-Video. Nach solchen Geschichten erscheint ein Gerücht viel weniger abenteuerlich, nach dem Jack und Meg die gesamte Platte angeblich für ihre Vinyl-Veröffentlichung komplett neu einspielen wollen. Ein weiterer Beweis, dass zwischen ihnen und der Royal Albert Hall eben doch noch eine gewaltige Menge MC5-Downloads steht.
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