BEWERTEN
 

The Tears

»Here Come The Tears«

[V2 / Rough Trade / VÖ: 20.06.2005 ]

Text: Sebastian Ingenhoff, Sebastian Ingenhoff

In einer groß angelegten Marktforschungsstudie wurde unlängst herausgestellt, dass der gemeine Suede-Fan Bernhard Butler für den größten britischen Gitarristen der letzten anderthalb Dekaden hält. Da wurde erst einmal ordentlich geschluckt im Hause Brett Anderson, schließlich zog er aber die entsprechenden Konsequenzen. Suede löste man bekanntlich vor ca. zwei Jahren wegen Perspektivlosigkeit und Stagnation auf, und die besten Alben waren schließlich auch die ersten, also \"Suede\" (1993) und \"DogManStar\" (1994), beide noch unter Mithilfe von Bernhard Butler entstanden, der die Band schließlich kurz nach Veröffentlichung von \"DogManStar\" und Querelen mit Anderson verließ.

Man redete satte zehn Jahre nicht mehr miteinander, und in der Bio wurde der Name Butler schlichtweg gestrichen. Bis Anderson also einsah und beschloss, die beiden Ego-AGs mal wieder neoliberal miteinander zu verschmelzen. \"Like ice in the sun, we'll melt into one\", heißt es dann auch in dem Song \"Co-Star\", der den beschworenen Synergieeffekt gleich hymnisch zelebriert und sich dabei gezielt der Werbesprache bedient. Anderson und Butler, das war immer ein bisschen wie ein imaginäres Wunschprodukt, bestehend aus dem jungen David Bowie und John Squire von den Stone Roses, ergänzt um zwei dröge, aber effektive Statisten im Hintergrund. Vielleicht lässt sich das Duo am besten vergleichen mit zwei Schokoriegeln, die in einer Schlafsackverpackung nebeneinander schlummern, der eine kokett süß, gefüllt mit Nougat oder Karamellcreme, der andere etwas kantiger, herzhafter, mit Keksen oder Nüssen angereichert, die die scharfe Karamellsüße etwas neutralisieren. Nach Butlers Ausstieg sollten Suede nie wieder so gut werden wie in den eben erwähnten legendären zwei Jahren. Sie wurden irgendwann zu süß, ihnen fehlte einfach das Herzhafte.

The Tears versuchen genau an besagtem Punkt wieder anzuknüpfen, an dem Butler die Band verlassen hat und in neuer Konstellation das \"Coming up\"-Album eingespielt wurde, eine ziemlich gerade unaufgeregte Gitarrenpop-Platte. \"Here Come The Tears\" klingt so wie \"Coming up\", wenn die Band das Album damals mit Butler eingespielt hätte. Dementsprechend erscheint auch die erste Singleauskopplung \"Refugees\" wie eine angezerrte Version des damaligen Überhits \"Trash\". \"Here Come The Tears\" ist ein streckenweise unsauber klingendes Pop-Album mit den gewohnt unverschämt eingängigen Melodien. Einerseits scheinen Butlers verspielte Gitarren die geraden, auf Strophe/\"Ooh ooh ah lalala\"-Refrain angelegten Songstrukturen zu unterlaufen, sorgen aber auf der anderen Seite auch für eine längere Halbwertszeit der einzelnen Stücke, ziselieren diese, wie es 1993 schon bei Songs wie \"Metal Mickey\" oder \"Animal Nitrate\" der Fall war. Das metallisch scheppernd eingespielte Schlagzeug besorgt dann den Rest. Witzig: Bei dem Stück \"Lovers\" singt Anderson, während die letzten Akkorde gerade ausklingen und frei in der Luft umherschweben, einfach \"Stop\". Mit der gleichen Bestimmtheit, wie es Frank Black zu Beginn des Pixies-Klassikers \"Where Is My Mind\" tut. Einfach \"Stop\". Die Welt mal anhalten und Luft holen. Have a break. Muss man sich ja erst mal dran gewöhnen. Raider heißt jetzt also Twix. Und Suede sind nun The Tears.



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