BEWERTEN
 

Saint Etienne

»Tales From Turnpike House«

[Sanctuary / Rough Trade / VÖ: 21.09.2007 ]

Text: Burkhard Welz, Burkhard Welz

Saint Etienne waren stets im Einsatz für das Gute in der Welt. Ihre Mission, die wahre Pop-Lehre gegen seelenlose Charts zu verteidigen, wurde schon oft kopiert - doch nie erreicht. Und dafür werden sie in der ganzen Welt heftig geliebt, allen voran Sarah Cracknell. Eines vorweg: Sarah versetzt auch das siebte Album (B-Seiten-, Single-, Japan-only- und Outtakes-Alben nicht mitgerechnet) mit ihrer unvergleichlichen Stimme. Entwarnung also für alle Morcheeba-Geschädigten. Denn wo wären Saint Etienne eigentlich ohne ihre Stil-Ikone und Sängerin? Irgendwo im Heavenly-, Sarah-Records-Indie-Treibsand versunken und längst Geschichte? Womöglich, obwohl man das Gespür für zeitlose Songs und den genialen Dilettantismus von Bob Stanley und Pete Wiggs nicht unterschätzen sollte.

Sie haben dieses großartige Pop-Ding geschaffen. Immer wieder unterstützt von kongenialen Produzenten. \"Good Humor\" mit Cardigans-Producer Tore Johansson oder \"Sound Of Water\" mit Sean O'Hagan bzw. To Rococo Rot gelten als hervorragende Beispiele ihres Schaffens. Trotzdem müssen \"So Tough\" und \"Foxbase Alpha\" genannt werden, die Fan-Alben der frühen Phase, als Wiggs/Stanley noch experimentierfreudiger waren und aktuelle Clubsounds in die Pop-Landschaften einbauten. Nicht zu vergessen: \"Tiger Bay\", Musik gewordener Südseetraum, der bei \"Sound Of Water\" seine upgedatete Version fand. Ein nach wie vor im Saint-Etienne-Kosmos nicht zu übertreffendes Konzept, das Songs wie \"Former Lover\", \"On The Shore\" (mit Shara Nelson, u. a. Massive Attack) oder \"Heart Failed\" zu unerreichbaren Über-Songs stilisierte, obwohl sie im Gegensatz zu \"He's On The Phone\" oder \"Only Love Can Break Your Heart\" eher unscheinbar im Hintergrund agieren. Sich dafür aber auf ewig einen Platz in den ganz persönlichen Bestenlisten sicherten. Dieser typische Saint-Etienne-Vibe wurde selbst auf dem irgendwie seltsam zusammenhanglosen Vorgänger \"Finisterre\" wurde aufgegriffen (z. B. \"Language Lab\"). Ein Grund, warum man \"Finisterre\" den Flirt mit 80er-Synths und teils ausgedünntes Songwriting verzeihen kann. Denn Saint Etienne waren immer der Gegenentwurf zum Pop der 80er. Darum werden Saint-Etienne-Fans selten auf Pet-Shop-Boys-Konzerten oder Depeche-Mode-Partys gesichtet. Wer das nicht glaubt, vergleiche mal die Compilation der Pet Shop Boys \"Back To Mine\" mit \"The Trip\" von Saint Etienne. Nahezu null Überschneidungen, denn dies sind zwei divergente Pop-Ansätze.

So ist man doch froh, dass sich bei \"Tales From Turnpike House\" wieder auf die Stärken besonnen wird: Sixties-beeinflusstes Songwriting mit Zitaten zwischen Bacharach, Dusty Springfield und Beach Boys, Südsee-Feeling und jenem Autoscooter-Disco-Kick, den Saint Etienne seit \"Who Do You Think You Are\" immer mal wieder bringen müssen. Ein Resümee aller ihrer bisherigen Alben und Stilmittel, die man getrost mit dem Zusatz \"zeitlos\" umschreiben kann. Und wären wir nicht schon Fans, spätestens jetzt wäre es an der Zeit, ein Angehöriger dieser glücklichen Spezies zu werden.



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