BEWERTEN
 

Oiro

»Als Was Geht Gott An Karneval«

[Flight 13 / VÖ: 16.05.2005 ]

Text: linus volkmann, linus volkmann

&
Hubert Kah
Seelentaucher
DA-Music / Edel

Den Wiedergänger-Erfolg von Nena, den hätten sicher alle gern von den reunionwilligen NDW-Veteranen. Man darf aber nicht vergessen, dass jene noch vor wenigen Jahren völlig out mit Indianer-Esoterik-Pop willen- und ziellos durch einen peinlichen Restruhm humpelte. Bis ihr durch bezeichnenderweise alte Hits wieder neuer echter Ruhm zugänglich wurde. Auch Hubert Kah ist nicht frei von dem Aspekt des Selbstzitats als Legitimation. Der Song \"Wenn Der Mond Die Sonne Berührt\" beschwört eine alte Refrainzeile herauf und fungiert in neuer Version als erste Single. Zumindest spielte er es in der NDR-Late-Night-Talkshow.

Wo man Nena aber dank ihres auf geheimnisvolle Weise komplett erhaltenen 80er-Gesichts noch leicht erkennen kann, musste man bei Hubert mehrmals hinschauen. Was einerseits daran liegt, dass er zwar einer der kommerziellen NDW-Party-Überflieger war, dabei aber nie so sehr gesichtsprominent, und andererseits daran, dass er mittlerweile aussieht wie eine Mischung aus Hella von Sinnen und Thomas Koschwitz. Er spricht bedächtig mit einem schwäbischen Akzent und hat auf \"Seelentaucher\" bedächtig komponiert und singt glücklicherweise akzentfrei deutsche wie englische Texte. Die Stimmung ist düster und elektronisch. Neo-Romantik von Deine Lakaien bis hin zu dem morbiden Pathos von Witt lassen sich ausmachen. Textlich wirkt sich Seelentauchen natürlich auch aus und schafft eine Atmosphäre von Gothic-Schlager. Das Deutsch/Englische scheint nicht selbstverständlich und alternierend gesetzt, sondern teilt die Platte quasi in zwei Hälften. Das Wort \"Heimat\" fällt auch, und sicher fühlt man sich nie, welche Untiefen Hubert vielleicht als Nächstes anvisiert. Ganz gut daher, dass Neo-Romantik ja meist diffus bleibt in ihrem Bilderreichtum. Der Song \"Alles Klingt\" sticht heraus, weil er den eigenen Bedeutsamkeitsgestus sehr offensiv persifliert. Darin heißt es \"Du bist ein Elixier / Du bist ein Elixier / Warum benimmst du dich dann wie ein Trampeltier\". Verrückte Geschichte, dieser Mann und diese Platte.

Weit näher stehen einem da in Wort und Bild die seriösen Spaßvögel von Oiro. Düsseldorfer Aktiv-Punks mit Spirit und entfesseltem Clever&Smart- und Didi-Hallervorden-Humor. Kein Scheiß, Mann. Längst sind Oiro dabei aber nicht mehr nur ein cooler Witz für eine Nacht, sondern - trotz des Namens, der sogar noch Die Türen überbietet - eine richtige Band mit vielen Singles und Songs und diesem ersten (echten) Album. Die Songs verbinden neben dem exakten Rumpel-Punk Leatherface'- und Rachut'scher Prägung Spaß und Haltung. Ausflippen vor dem Hintergrund, dass man sich nicht verstecken muss, weil man Vegetarismus und Linke-Vereins'n'Mitmach-Projekte im Schilde führt. Warum auch? Verstecken sollten sich eher die, die nur komisch sind. Aber Oiro sind ja auch tragisch oder zumindest geschmackssicher melodramatisch: \"Du hasst das Riesenrad / Jung sein ist die Hölle.\" Es geht um den Planet Düsseldorf, emanzipiertes Leben mit allen Schikanen und um arme Hunde. Runtergehämmert, aber eben absolut nicht stumpf. Um das ganze Oiro-Ding aufnehmen zu können, sei das neue Blurr-Fanzine in Buch-Form empfohlen. Plus Interviews mit Palminger (Studio Braun), Peter Behrens (Trio) und Toxoplasma und Texten zu dem Oberthema der Ausgabe: \"Alter\".



Artikel kommentieren
 
  • Mehr Infos

  •  
  • Diese User besitzen die Platte

  •  
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
 
  • WEITERE PLATTEN

  •  
  • » Oiro - Vergangenheitsschlauch
 
  • ÄHNLICHE PLATTEN

  •  
 
Anzeige
 

Platten in einem Satz

Platten in einem Satz

Neu bei Intro: Plattenkritiken in SMS-Länge! Die besten "Oneliner" gibt's hier.

 
  • THREADS ZU DIESEM ALBUM

  •