BEWERTEN
 

Hart macht schnell

»mit Ingo Rieser«

Text: Ingo Rieser, Ingo Rieser

Thou Art Lord

\"Orgia Daemonicum\" (Black Lotus / Twilight) - So was freut mich momentan besonders, schließlich wurde ich gerade erst beim versuchten Erwerb der kompletten Destruction-Diskografie via eBay hinterrücks überboten. Das schwer zu übertreffende Multiple-Patronengurt-Outfit der Thrasher war nur einer der Kaufanreize. Thou Art Lord interpretieren mir zum Trost treffsicher den Onslaught-Klassiker \"Power From Hell\", und Death/Thrash-Metal macht wieder Spaß, fast wie in den Achtzigern.

Raging Speedhorn

\"How The Great Have Fallen\" (Steamhammer / SPV) - Für Raging Speedhorn aus UK interessiert sich zumindest auf dem europäischen Festland praktisch keine Sau, nicht mal Entombed-Fans, und wenigstens die sollten sich das noch mal überlegen.
Im Grunde variieren Raging Speedhorn nur zwei Parts: doomiges Midtempo-Gewalze und die Motörhead-mäßige Komplettattacke. Dass sich da zwei Sänger gegenseitig niederbrüllen, fällt erst bei Lektüre des Booklets auf, gesungen im eigentlichen Sinne wird sowieso nicht. Langweilig klingt das nur, wenn man es liest und/oder gerade nicht stinksauer ist.

Spitalfield

\"Stop Doing Bad Things\" (Victory / Soulfood) - Das zweite Spitalfield-Album für Victory Records liegt in der Nähe von Taking Back Sunday und Thursday, besitzt nur mehr Pop und weniger Dissonanz. Gerade die fehlt manchmal, an so genannte \"schlechte Dinge\" lässt nur der Albumtitel denken. Wenn nichts schief läuft, wechseln Spitalfield demnächst zum Majorlabel und werden Rockstars. Wenn das aus irgendeinem Grund nicht klappt, kann man als schlecht frisierte junge Band aus Chicago mit diesem Sound weitere Veröffentlichungen bei Victory bestimmt gerichtlich einklagen.

Sinai Beach

\"Immersed\" (Victory / Soulfood) - Das andere Schwerpunktthema bei Victory ist die Suche nach den neuen Hatebreed. Sinai Beach machen dieses Metalcore-Ding interessant mit ausgeprägten Thrash-Einflüssen und einem Sänger, der nicht nur brüllen, sondern auch singen kann - und zwar wie Glenn Danzig. Das ist ja mal was anderes und sorgt für Wiedererkennungswert, für den technisch perfekte Breakdowns und ewige Moshparts längst nicht mehr reichen.

Recover

\"This May Be The Year I Disappear\" (Strummer / Universal) - Von ihrer früheren Aggressivität haben sich Recover - wie schon auf der \"Ceci N'Est Pas Recover\"-EP angedeutet - weitgehend bis vollständig verabschiedet. Der kürzliche Wechsel zum größeren Label und die durchgehende Formatierung der Songs in dreiminütige Radioprogrammplätze machen schon misstrauisch, ob man da nicht einem kalkulierten Ausverkauf aufsitzt. The Used, Jimmy Eat World oder Hoobastank müssen schließlich auch nicht mehr nebenbei jobben. Allerdings bringt reines Kalkül selten so viele gute Ideen hervor, die in den knapp 40 Minuten kaum Platz finden. Die Band behauptet, schon immer genau dieses Album gewollt zu haben, klar. Die Frage, ob das schön oder schön beliebig ist, fällt wie so oft bei derartigen Platten nicht leicht.

The Agony Scene

\"The Darkest Red\" (Roadrunner) - Das unbetitelte Debüt von Agony Scene war wohl nur eine Aufwärmübung. \"The Darkest Red\" brennt vom ersten Song an ein mit fetten Breakdowns und immer noch erkennbaren Hardcore-Roots versetztes Deathmetal-Spektakel ab: panisches Gekeife, rasende Gitarren und unglaublich präzises Drumming und obendrein noch stimmig eingebettete gesungene Refrains. Jede Menge Hits, die auch At The Gates oder Darkest Hour passen würden.

Green Day

\"Holiday\" (Warner) - Dass Green Day plötzlich eine so große Nummer sind wie nie zuvor, versöhnt mich regelmäßig zumindest minutenweise mit dem Julimond-Radioprogramm. Die neue Auskopplung \"Holiday\" ist eine weitere dieser Protesthymnen vom Album \"American Idiot\", das man sich doch im Grunde gleich komplett anschaffen sollte. So wichtig sind die enthaltenen Livemitschnitte von \"Boulevard Of Broken Dreams\" und \"Holiday\" nicht, wertvoll ist lediglich Billie Joes Ansage, dass es nicht um Antiamerikanismus, sondern um Opposition gegen Krieg gehe. Das sollten Rammstein mal auf ihre Shirts drucken lassen.

Motion City Soundtrack

\"Commit This To Memory\" (Epitaph / SPV) - So oft wie Green Day werden es Motion City Soundtrack nicht ins Radio schaffen, es sei denn, sie erreichen Platinstatus. Ungünstiger Umstand, das, denn genau da gehören sie hin. \"Commit This To Memory\" ist ein dreister Titel für so unverschämt eingängige, ungeniert fröhliche Poppunksongs. Alkaline Trio können hier überprüfen, wie sie klingen würden ohne dieses latente Gothic-Düster-Image. In Folge der gemeinsamen Eurotour hat Mark Hoppus (Blink 182) den Produzentenjob übernommen. Jetzt kann man sich einbilden, seinen Einfluss raushören zu können, oder besorgt sich das Debüt \"I Am The Movie\". Und lernt, dass MTS bereits dort kein Problem mit Hits hatten. Noch mal dasselbe machen, nur besser - das ist beim zweiten Album ein vertretbarer Ansatz.

A

\"Teen Dance Ordinance\" (Warner) - In Seattle gibt es die \"Teen Dance Ordinance\", die das Möchtegern-Nachtleben von Teenagern regelt. Genau das wollen A wohl auch irgendwie, nur nicht so restriktiv. Im selben Studio haben Nirvana \"Nevermind\" aufgenommen, das Büro von Sub Pop liegt direkt um die Ecke, und A honorieren diese Nähe mit einem für ihre Verhältnisse schwer rockenden Album, das streckenweise sogar unfröhlich bis wütend klingt. Natürlich nicht so richtig böse, eher energisch und entschlossen. Beim Songwriting und dem The-Police-nahen Gesang hat sich dagegen nichts geändert, man muss nicht erst auf einen dieser Pop-Refrains warten, um die Band zu erkennen. Ich nenne das ein gelungenes Comeback.

The Forecast

\"Late Night Conversations\" (Victory / Soulfood) - Treibender Posthardcore und ruhiger, fast folkiger Indierock sind die Bezugspunkte dieses neuen Victory-Signings, und es ist nicht nur der Wechsel zwischen männlichem und weiblichem Gesang (siehe The Anniversary minus Keyboards), der für Aufmerksamkeit sorgt. \"Late Night Conversations\" hätte, ganz ähnlich klingend, auch schon Mitte der Neunziger erscheinen können. Will heißen: wirkt angenehm trendunabhängig und zeitlos. Erstaunlich, wie hoch das Qualitätslevel bei Victory trotz ungewöhnlich vieler neuer Signings liegt.

Temper Temper

\"Temper Temper\" (Revelation / Cargo) - Revelation Records machen wieder verstärkt von sich reden, besonders, was leicht schrägen Postirgendwascore angeht. Wer The Plot To Blow Up The Eiffel Tower kürzlich doch etwas zu abgehoben fand, könnte es mal mit Temper Temper versuchen. Bei denen soll man tanzen und an Hot Hot Heat oder Duran Duran denken, diesen Achtzigerjahre-Moog-Sound hat man in letzter Zeit allerdings schon zu oft gehört, um davon noch wirklich überrascht zu sein. Dafür können Temper Temper aber nichts, und sexy Tanzpunk-Tracks wie \"Terror Tongue And Cheek\" sind nichtsdestotrotz hörenswert. Produziert hat Jim Diamond (The Von Bondies, The White Stripes, Mooney Suzuki).

Horace Pinker

\"Texas One Ten\" (Thick / Southern) - Diese Band, Emopunk seit 1991, altert in Würde. \"Texas One Ten\" hat selbst die Twen-Angst so gut wie hinter sich gelassen und ist eher ein zurückgelehntes Popalbum geworden. Das Equipment ist aber weiter auf den alten Punkrocksound eingestellt und weit aufgerissen.



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aus Intro #129 (Juli 2005)
 
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