Skool’s out
»mit Uwe Buschmann«
Text:
Uwe Buschmann,
Uwe Buschmann
C-Rayz Walz \"The Year Of The BEAST\" (Definitive Jux / Pias) - Hier geht noch was im Hause Def Jux. Wenn noch jemand gegen den Charts-Kommerz ankämpft, dann geschieht das hier. Rapper C-Rayz Walz knüpft in Sachen kompromisslose Raps'n'Beats genau da an, wo Labelmates wie El-P, Vordul Mega oder Aesop Rock aufgehört hatten. Hoffentlich kommen noch zahlreiche andere Rap-Acts auf den Trichter und nehmen Routen abseits der ausgetretenen Pfade.
Venetian Snares \"Rossz Csillag Alatt Született\" (Planet Mu / Groove Attack) - Jedes neue Album des genialsten Breakbeat-Ingenieurs der letzten Halbdekade ist ein Ereignis. Dieses von einem Ungarn-Trip inspirierte Werk ist Aaron Funks bislang musikalischstes: Ausgangspunkt ist eine klassische Instrumentierung bisweilen schwer ungarischer Färbung - er scheut nicht mal vor einem Cover jenes berüchtigten Selbstmordliedes zurück, das als \"Gloomy Sunday\" vor einigen Jahren auch als Aufhänger für einen Film herhalten musste.
Maceo Parker \"School's In!\" (BHM) - Dank der massenhaften Verwendung von James-Brown-Samples in den Next-Skool-Tagen wurde Maceo Parker der Saxofonist, der die Beats unzähliger HipHop-Songs begleitete. Das brachte ihm Ruhm und Ehre. Auch 2005 serviert er so stakkato-artige Funknummern, die sich ständig mit hitzigen Saxonfoneinlagen und lauten Anfeuerungsrufen aufgeheizt sehen.
Sentino \"Sentino's Way\" (5 Vor 12 / Groove Attack) - Noch bevor Sentino die deutsche HipHop-Szene mit seinem Debüt-Release aufmischen konnte, machte Def Jam Germany pleite. Auch sein zweiter Versuch scheiterte: Sein Manager machte sich mit der Kohle vom neuen Labeldeal aus dem Staub. Doch jetzt mit dem Reutlinger Indie-Label 5 Vor 12 kann es endlich losgehen. Mit Beats von DJ Desue und den Firebirds rotzt er in bester Berliner MC-Tradition seine Reime heraus. Mal sehen, ob er es schafft, an Savas, Bushido oder Eko vorbeizuziehen. Verstecken muss sich Sentino hinter ihnen bestimmt nicht.
Nneka \"The Uncomfortable Truth\" (Yo Mama / Universal) - Geboren wurde sie 1981 in einer kleinen Stadt namens Warri in Nigeria. Mittlerweile in Deutschland gelandet, nennt sie als Einflüsse ihren berühmten Landsmann Fela Kuti, aber auch Bob Marley, genau wie Mos Def, Talib Kweli oder Sängerin Lauryn Hill. Obwohl Nneka mehr singt als rappt, nennt sie HipHop als ihre wichtigste Inspiration. Bei all dem ist es dann kein Wunder, dass die fünf Songs ihrer EP jemandem wie Erykah Badu viel näher stehen als dem Plastik-Soul einer Mariah Carey.
Zion I \"True & Livin'\" (Live Up / Groove Attack) - Der Name klingt nach Reggae, aber das Duo aus Oakland macht straighten HipHop. Producer Amp Live und MC Zion haben unter Mithilfe von Talib Kweli, Gift Of Gab (Blackalicious), Del The Funky Homosapiens und Aesop Rock ein mehr als veritables Debüt abgeliefert. Obwohl sie sich selbst in einer Linie mit OutKast und The Roots sehen, kommt einem aber beim Hören ihrer Songs sofort A Tribe Called Quest in den Sinn. Was mit Sicherheit auch daran liegt, dass Rapper Zion in jedem Blindfold-Test als Q-Tip durchgehen würde.
Da Beatminerz \"Fully Loaded With Static\" (Copter / Groove Attack) - Obwohl sie schon Tracks für Acts wie Eminem, M.O.P., De La Soul, The Pharcyde oder Dilated Peoples produziert haben, ist ihnen der große Durchbruch, ganz unter eigener Flagge zu segeln, noch nicht richtig gelungen. Dafür haben sie jetzt 15 trickige Beats gebastelt, die von Rappern wie KRS-One, Lord Sear, Mystic, J-Live oder Krumb Snatcha adäquat mit Versen begleitet werden.
M.E.D. \"Push Comes To Shove\" (Stones Throw / Pias) - Allein die ausgezeichnete Gästeliste gibt schon die Richtung vor: Madlib, Oh No, Jay Dilla, Diamond D und Just Blaze. Progressive Beats und fundamentale Reime. HipHop 2005, der Mann.
Virus Syndicate \"The Work Related Illness\" (Planet Mu / Groove Attack) - In der Grime-Evolution hat Planet Mu bisher die Meilensteine gesetzt, zumal mit den phänomenalen Hawerchuk- und 8-Frozen-Modules-Maxis und dem Mark-One-Album. Letzterer ist als Teil des Virus Syndicate auch für dieses Mutanten-HipHop-Festival (jetzt durchgehend mit Rappern) mitverantwortlich. Während Majorhypes wie Kano oder Lethal Bizzle immer noch nicht richtig aus dem Quark kommen, spielt hier die Zukunft: fresheste Produktion aus alternierenden Sub- und Würgebässen, inmitten derer selbst neowagnerianische und Kirchenchoral-Samples völlig plausibel wirken. Für die Klingelton-Fraktion ist das selbstredend nichts.
Hellfish \"One Man Sonic Attack Force\" (Planet Mu / Groove Attack) - Hier findet sich eine Auswahl jüngerer Tracks und Remixe des mittlerweile in Frankreich residierenden Hardcore-Veterans. Quintessenz wie eh und je: Trotz heiterer Zitate wie der \"Kung Fu\"-Erkennungsmelodie ist die Gesamtatmosphäre angenehm unfreundlich: Hardcore pur lässt dreckig grüßen. ergänzung zu:
Mathematics \"The Problem\" (Nature Sounds / Sony) - Der Wu-Tang Clan - je oller, desto dope-doller. Nun gut, der HipHop-Gral wird hier nicht neu gefunden, aber \"Strawberries & Cream\" ist beispielsweise der beste HipHop-Slow-Groover seit ewigen Zeiten. Auf so viel Seele in einem Track kann selbst ein Producer wie KanYe West neidisch werden. Tolles Album.
Diverse \"Calicom 2004\" (Decon / Rough Trade) - Sie waren die Hoffnungsträger der West Coast. Fast schien es mal so, als ob sie die Gangsta-Regentschaft rund um Dr. Dre ablösen könnten. Doch nach anfänglichen Hits und vielen guten Kritiken verloren sie die Schlacht (zumindest unter kommerziellen Gesichtspunkten) klar. Dass Acts wie Del The Funky Homosapiens oder Aceyalone aber immer noch alive & beat-kickin' und eine echte West-Coast-Alternative sind, zeigt dieses Album.
Reggaeton Invasion \"Official Mixtape Vol. 1\" (Universal) - Hypnotische Sounds aus Latin, Reggae und HipHop. Machete statt 9mm ist sowieso sportlich fairer. Und fair geht vor.
La Cedille \"Vu Du Large\" (Chocolate Fireguard / SiB) - Kein Wunder, dass Cedilles HipHop-Entwurf eine gehörige Portion Jazz beinhaltet und Gilles Peterson ein echter Fan der Combo ist. \"Jazzmatazz, loaded with coffee shop couture cool, velveteen guitar licks and crisp lyrics\" - besser hätte man es nicht ausdrücken können. African Underground \"Vol. 1 HipHop Senegal\" (Nomadic Wax) - Wenn ein Musik-Style eine Reise tut, hat er einiges zu erzählen. HipHop zum Beispiel. Von seinem Aufenthalt im Senegal. Die (Beat-) Erzählungen auf dieser Compilation reichen von der Verwandtschaft zum frühen New Yorker Feeling oder der Nähe zur eleganten Variante, die man aus Frankreich kennt. Für HipHop-Fans gibt es jedenfalls noch einen kompletten Kontinent zu entdecken. Und es lohnt sich definitiv.
Bizzy B \"Science EP Volumes III + IV\" (Planet Mu / Groove Attack) - Wenn eine Rückkehr der letzten zwölf Monate das Adjektiv \"schweißtreibend\" verdiente, dann die von Bizzy B, einem der Urveteranen von Breakbeat. Absoluter Höhepunkt dieses furiosen Geschehens ist \"Merda Style 2004\", ein Hurrikan aus Darth-Vader-Samples, quengeligen 808-Flashes und supertighten Amens.
Electronic Music Composer \"Abandon Music\" (Planet Mu / Groove Attack) - EMC ist ein Nebenprojekt von Eight-Frozen-Modules-Maestro Ken Gibson. Auf radikale Weise flippen die Tracks von einer Idee zur nächsten, weitestgehend in Mega-Speed (was bisweilen an ein elektronisches Äquivalent zu John Zorns \"Naked City\" erinnert). Liebeswürdige Laptop-Träumereien sucht man trotz des Namens bei EMC vergeblich; dafür liefern sie einen hochspannenden Diskurs über Sound und Struktur.
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