BEWERTEN
 

Spirale der Erinnerung

»mit Klaus Walter«

[O.V. Wright “Gone For Good” Hi Records]

Text: Autor unbekannt

\"I could write a book about my heartaches but I know Lord it would make you cry, because every time I tried to find happiness it always ends with goodbyes.\" (\"I Could Write A Book\", O.V. Wright)

O.V. Wright hätte es schreiben können, das Buch der gebrochenen Herzen. Stattdessen stirbt er im November 1980 an einer rätselhaften Krankheit. Mit einundvierzig. Und taucht 24 Jahre später in einem Roman auf: \"Neben dem vorherrschenden Pantheon männlicher Soulsänger - Sam Cooke, Otis Redding, Marvin Gaye und Al Green (ergänzen Sie Ihre Namen, ich ergänze meine) - existiert ein weiteres Pantheon, die Schattenhalle derjenigen Sänger, die schlicht zu kurz gekommen sind.

Sie teilen sich mehr oder weniger in zwei Kategorien auf. Zum einen diejenigen, denen die Launen des Schicksals oder des Temperaments nicht hold waren - zum Beispiel Howard Tate und James Carr, vielleicht auch noch O.V. Wright. Sänger, die auf ein paar verschiedenen Labels veröffentlichten, ein oder zwei Klassiker landeten und dann in der Versenkung verschwanden.\"

\"Vielleicht auch noch ...\" Jonathan Lethem zweifelt, ob O.V. Wright wirklich dazugehört. Auf verschiedenen Labels hat er veröffentlicht, Klassiker im engeren Sinne landete er nicht. In seinem Roman \"Festung Der Einsamkeit\" (Tropen Verlag) lässt der weiße Schriftsteller Lethem den Namen des schwarzen Sängers Wright fallen, um zu beweisen, wie gut sich sein weißer Protagonist Dylan Ebdus mit schwarzer Musik auskennt. So gut, dass er die Linernotes zu einer Compilation des - fiktiven - schwarzen Sängers Barrett Rude Jr. schreiben darf: ein afroamerikanischer Pop-Archetyp, destilliert aus den Biografien von Marvin Gaye, Sam Cooke, Barrett Strong und anderen, Namenlosen.

\"Festung Der Einsamkeit\" verhandelt das schwierige Verhältnis zweier heranwachsender Freunde in Brooklyn. Die Schwierigkeiten beginnen bei den Vornamen: Mingus ist schwarz, sein Freund Dylan nicht. Dylan kompensiert diesen Mangel durch identifikatorisch intensive Beschäftigung mit schwarzer Musik. Konsequenterweise legt er sich eine schwarze Freundin zu, die seine Negrophilie höhnisch kommentiert.

\"Gone For Good\", die Werkschau des Southern Soulman O.V. Wright, erschien 1983 auf Charly Records, einem Mod-affinen Label, das es white boys wie Dylan Ebdus leichter machen sollte, die Welt des Mingus Rude, die Welt der schwarzen Musik zu verstehen. Dafür gebührt Charly bis heute großer Dank, denn O.V. Wright ist ohne jedes \"vielleicht\" einer aus der Schattenhalle der großen, zu kurz gekommenen Sänger. Mit dem notorisch (liebes-) kranken Mann starb 1980 einer der letzten weinenden Männer des Pop. \"Gone For Good\" beginnt mit \"You're Gonna Make Me Cry\" und endet mit \"Drowning On Dry Land\", dazwischen fließt viel Wasser den Mississippi runter.

Es ist schade, dass der weinende Mann von der Pop-Bildfläche verschwunden ist, denn der weinende Mann unterscheidet sich grundlegend vom weinerlichen Mann. Weinen, bis keine Träne mehr fließen will, das erfordert Mut und Entschlossenheit, manchmal auch Verzweiflung - der Gegenentwurf zum introspektiv jammernden Songwriter. So ist es kein Zufall, dass O.V. Wright die wohlverdiente Aufmerksamkeit etwa zur selben Zeit widerfuhr, als ein großer Heuler der Popgeschichte den größten Heuler der Popgeschichte würdigte, in einem Heuler von Pophit. \"Poor old Johnny Ray moved a million hearts in mono\", sang Kevin Rowland 1982, \"Come On Eileen\" wurde der größte Hit für Dexy's Midnight Runners und ein schönes Denkmal für O.V. Wrights weißes Pendant in Pop-Weinen: Johnny Ray! Ihm verdanken wir \"The Little White Cloud That Cried\". Das hat aus guten Gründen Marc Almond gecovert, einer der letzten weinenden Männer des Pop, der letztes Jahr beinahe zu Tode gekommen wäre, bei einem Verkehrsunfall. Was ist geworden aus den weinenden Männern? Warum gibt es kaum noch singende Männer im R'n'B. Wo ist D'Angelo? Gone for good?

Klaus Walters Sendung \"Der Ball Ist Rund\" läuft jeden Sonntag um 23 Uhr auf hr3 - alle zwei Monate mit der \"Spirale der Erinnerung\".



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aus Intro #129 (Juli 2005)
 
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