BEWERTEN
 

Pascal Plantinga

»Arctic Poppy«

[Ata Tak / VÖ: 13.06.2005 ]

Text: Autor unbekannt

Zurück zum nicht mit Natur assoziierbaren Werkstoff! In ihren besten Momenten schienen Punk und Post-Punk etwas davon zu ahnen oder aus zeitgleich einsetzenden akademischen Diskursen (Poststrukturalismus und postmoderner Feminismus) aufgeschnappt zu haben, dass “Natur” nicht Natur ist, sondern künstlich, nämlich ein historisches Konzept, das der Schaffung und Aufrechterhaltung einer bestimmten Ordnung dient, nennen wir sie der Einfachheit halber mal “Patriarchat” bzw. “die bürgerliche Gesellschaft”. Noch viel subversiver als Beton war natürlich Plastik, weil hübsch und formbar; also exakt das Gegenteil des offiziellen linksliberalen End-70er/Früh-80er-Menschenbildes.

Genau in diesem Sinne hatte der Post-Punk-Pop das Plastik dann in Anschlag gebracht. Parallel zum marxistischen E-Pop von Scritti Politti oder Momus fuhr Plastik-Pop (der nach Plastik klingt und nicht nach Kunst) die Strategie, den gerade aufkommenden Klaus Lages dieser Welt etwas entgegenzusetzen, das im selben Atemzug schlauer und provokativ dümmer sein sollte als diese. Seitdem ist aus Zitaten zusammengeschmissener Plastik-Pop, ebenso wie alles, sein eigenes Genre geworden. Etwas, das ständig erscheint und besprochen, gekauft und vergessen werden muss, ohne dass das noch subversiv sein könnte, weil ja alles ständig erscheint, besprochen, gekauft und vergessen wird. Von rezensionsprofessioneller Warte aus wäre zu vermerken, dass Pascal Plantingas typischer und typisch gelungener Entwurf von sogar insgesamt retro-reduziertem Plastikpop auf latenter HipHop-Basis gut bis sehr gut ist, d. h. klingt, d. h. subjektiv erfahrbar ist. Bonbonfarbener Trash bzw. Füllhornpop, dessen Zitatdichte und Referenzschwüle die üblichen Dschungelauswüchse annimmt. Ausgefuchst, kenntnisreich und von umsichtiger Struktur sowieso ist, denn das ist ja sein humankapitalisierter Job. Die hierfür zuständigen Rezensionsfloskeln schenke ich mir mal, denn: Ihr kennt sie alle! Interessant an Pascal Plantinga ist aber weniger, dass er gute synthetische Popmusik mit latentem, in Plastik gegossenem Größenwahn macht – genau wie alle. Interessant ist vielmehr, als welche Kontextkontinuität und Kontextdiskontinuität er hier (für mich unvermittelt) auftaucht, nämlich 1.) auf dem Ata-Tak-Label, das für die Herausbildung von Post-Punk-(Plastik-)Pop in Deutschland einschneidende Bedeutung hatte. Und zwar in Form von Klassikern wie Der Plan (als Hausband), Die Zimmermänner (die deutschen Haircut 100, bloß besser) oder der absolut synthetischen und sympathisch unwahren, zugleich jedoch äußerst kompetenten Plastik-Weltmusik der Lost Gringos. Und 2.) unter Mitwirkung von (ausgerechnet!) Gary Lucas und Guy Klucevsek. Ersterer war bei den letzten Aufwallungen von Captain Beefhearts Magic Band dabei; Letzterer ist ein in der Artrock-, Postartrock- und Neoartrock-Szene geläufiger Ziehharmonika-Virtuose. Wow! Plantinga kenne ich nicht, und zum Googeln bin ich zu faul, da kommen ja eh erst mal zehn Meter Amazon. Jedenfalls ist ein solches Gebräu von einem Kontext einer Musik angemessen, deren ehrwürdiges Anliegen das Zusammenschmeißen um des Zusammenschmeißens willen ist. Denn: Postmoderne Beliebigkeit ist machbar, Herr Nachbar! Und subversiv ist sie in dem Maße, wie die öffentliche Meinung sie hasst.



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