BEWERTEN
 

Coldplay

»X & Y«

[Emi / VÖ: 03.06.2005 ]

Text: Anja Reinhardt, Anja Reinhardt

Chris Martin ist eine ganz schöne Nervensäge. Sein ständig zur Schau getragenes Leiden an sich selbst, der Welt und der Presse im Besonderen weiß man nicht recht zu deuten. Ist das echt und/oder gnadenlos selbstbemitleidend? Selbstzweifel, möchte man ihn bemutternd an die Hand nehmen, sind essenziell für künstlerisches Arbeiten und die Bedingung für das Schaffen von – in diesem Fall – Musik. Das würde wahrscheinlich sogar Noel Gallagher bestätigen. Natürlich nur in einem einsamen Keller ohne Zeugen, versteht sich. Vielleicht muss Chris ja auch nur mal wieder in den Arm genommen werden. Für die Beschäftigung mit der Musik von Coldplay ist das ein ganz zentraler Punkt, denn die Coldplay-Hasser verziehen angesichts von prätentiösen Gesten wie mit “Fair Trade!” bekritzelten Händen nur mitleidig das Gesicht, die Fans denken: “Trotzdem!”, vielleicht denken sie sogar auch: “Deshalb!” Außerdem machen die vier Engländer schlicht und einfach tolle Musik.

“X & Y” kommt zwar wie der Vorgänger “A Rush Of Blood To The Head” nicht an die Qualität des vor allem durch Unfertigkeit und Brüche strahlenden Erstlings heran. Aber unter den ganzen Bombastflächen, die auf fast jedem Song des dritten Albums dröhnen, kann man die wunderbaren Melodien erkennen, die kaum eine andere Band so spielt. Das Verrückte an “X & Y” ist, dass es stellenweise bereits als astreines U2-Gedenken durchgehen würde. Noch ein Aspekt, der der Band nicht unbedingt Pluspunkte auf der Coolness-Skala bringt. Und auch hier muss man sagen: Trotzdem klingt das alles als Ganzes aufregend und nicht einschläfernd professionell, wie alles, was U2 in den letzten Jahren vorgelegt haben. Wobei – der Nervensägen-Aspekt der Frontmänner ... Möglicherweise liegt das Aufregende darin, dass bei aller Plagegeist-Attitüde, bei aller Sättigung hinsichtlich Lebensqualität und Celebrity-Faktor und auch bei aller Arroganz der Presse gegenüber eben ein noch ursprüngliches Interesse an der Musik spürbar ist. Besonders bei dem kleinen Konzert im Kölner Gloria Anfang April wurde das deutlich. Selbst Eingeladene aus der Medien-Szene, die vielleicht nur kamen, weil das Ticket umsonst war, ließen sich trotz der durchaus zwangsjackenartigen Performance von Apfel-Papa Martin mitreißen. Insofern ist die erste Single “Speed Of Sound” vielleicht geradezu programmatisch für eine Band, die frei nach Travis am liebsten unsichtbar wäre. Aber wo könnte man sich dann den “Fair Trade”-Slogan hinkritzeln?



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