BEWERTEN
 

Francoise Cactus

»Autobigophonie«

[Martin Schmitz Verlag]

Text: Frank Apunkt Schneider, Frank Apunkt Schneider

Erster Stolperdraht dieser Beinahe-Autobiografie ist bereits die mit dem Titel ausgegebene Genrebezeichnung. Sie markiert die keineswegs unhöflich gemeinte, vielmehr interessiert-amüsierte Distanz, auf die sich der erste, hier als Hörbuch vorliegende Roman von Françoise Cactus zur Selbsterzählungsliteratur und deren Gepflogenheiten bringt. Durch sein Nichtbedeuten hindurch bedeutet “Autobigophonie”, dass es über weite Strecken unentwirrbar bleibt, wann, wo und wie sich Faction und Fiction gegenseitig perpetuieren. Bzw. auffressen. (Ähnlich wie seinerzeit in Helge Schneiders Autobigophonie “Guten Tach”.) Wer das als autobiografisches Werk liest, ist wohl offiziell auf den Titel bzw.

seine ungenaue Lektüre hereingefallen. Die Protagonistin ist an keiner Stelle mit einem anderen Namen belegt als den im Lebensvollzug sich verändernden Spitznamen. Und eine andere explizite Personendeckung ist auch nirgends beizubringen. Lediglich irritieren ein paar Analogien zur Realbiografie der Autorin, aber die gibt es in beinahe jedem Text (z. B. haben ja alle Protagonisten bei Arno Schmidt eisern denselben Literaturgeschmack wie ihr Autor). Die Bomben, die erste Band, die die Protagonistin in Berlin gründet, weisen starke Ähnlichkeiten mit den Lolitas auf. Usw. Möglicherweise hat Françoise Cactus einen Kolportageroman über sich selbst geschrieben. Oder einen Schlüsselroman über Françoise Cactus. Daten, Fakten, Träume, Ängste, Wunschvorstellungen, kollektive Generationserlebnisse, völlig losgelöste Einfälle, Weltnichtmehrverstehen und Analysen, Unter- und Übertreibungen bzw. -bietungen aller Art gehen ein feuchtfröhliches Wimmeln ein. Konsequent läuft die Erzählung in einer Zukunft aus, in der Schneckenmutationen damit begonnen haben, den Mensch aus der evolutionsbiologischen Poolposition zu mobben. Gemäß dem Duktus der Erzählvorlage gibt die Hörbuchfassung diese 1. nur in Auszügen wieder, montiert 2. zahlreiche Liedeinsprengsel (die sich zum Teil auch auf “Do The Bambi” finden) wie z. B. das tolle “Gefoltert Im Mädcheninternat” (das zwar verschmitzt, aber dadurch nicht minder dringlich vom Terror der Identitätsbildung handelt) und kontrastiert 3. Cactus’ Lesetonfall mit eingestreuten Laienspielszenen (die nicht immer überzeugen, da z. T. Overacting an der Schwelle zum Ekelsujet “Comedy” stattfindet; – hatte nicht sogar Anke Engelke auf “Do The Bambi”mitgesungen?! Muss so was denn sein, ich meine: Kann frau die nicht einfach in ihrer eigenen Uncoolness schmoren lassen?!). Zwei Schlüsselsätze sind mir aufgefallen. 1. Der letzte Satz vor der abschließenden Verlesung der SponsorInnenliste, den ihr euch selbst erarbeiten müsst. Und 2. den eines Jungen, der die Protagonistin irgendwann inmitten der Pubertät mit dem Mofa abholt. Er, eine Promenadenmischung aus Dorf-Halbstarkem und Studentenunruhe, kommentiert ihre neue Hutkreation namens “Häkelwunder” mit dem gerümpften Hinweis: “Das Lächerliche tötet nicht mehr!” Irgendwie erscheint mir der gesamte Text wie der süffisant grinsende Gegenbeweis dieser Style-Regierungserklärungs-haften Jungs-Verlautbarung zum Thema Subversion. Wie der Versuch, Glam in ein lächerliches Leben zu bringen (das wie gesagt nicht das der Cactus zu sein braucht), erzählt in seltsamen Farben und mit der noblen Blässe französischer post-realistischer Kunstfilme. Ein Glam, der selbst wiederum nur lächerlich sein kann und von daher das Lächerliche zu seinem Anliegen machen muss. Und es dann gerade in diesem, seinem Einbekenntnis doch wiederum nicht ist ... Selbst wenn der charmante Plaudertonfall von “Autobigophonie” zum Darauf-Reinfallen einlädt, gehört dieser Text vermutlich zum Bestand der bedeutsamen deutschen Popliteratur, obwohl die ja spätestens seit dem Erscheinen von Christian Kracht in die 70er-Jahre zurückdatiert werden muss. Ein Fach, das sonst eher über die Großexperimentatoren Brinkmann, Fichte oder Vesper assoziiert wird. Genaueres hierzu kann den Germanistikseminaren der 10er-Jahre entnommen werden.



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aus Intro #128 (Juni 2005)
 
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