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»Frank Sawatzki«
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Frank Sawatzki,
Frank Sawatzki
1980 wollte man mit spitzen Schuhen getreten werden. Für einen Abend Schwein sein, liebe Kinder des R’n’B-Glitch, war der gerade mal richtige Reflex auf den Schweinerock und die Usurpation der relevanten Positionen (der Punkrock wollte nur das Ende der Positionen). Sprung Aus Den Wolken traten 1980 im Rahmen der “Berliner Krankheit”-Tour im Kölner Stollwerck auf und wurden vom Publikum gnadenlos fertig gemacht, eigentlich nur, so sagt Blixa Bargeld, weil die Kölner Sprung Aus Den Wolken für die Neubauten hielten. So weit Bargelds “schöne Erinnerungen”. Heute sind Kölner bekennende Kranke und die Deutschen Papst. Zur Feier des Tages werden die besten Arbeiten der ersten Phase des damals neuen, sehr deutschen, sehr minimalen Heroismus’ ausgeworfen.
Und: The Diederichsens revisited.
Sprung Aus Den Wolken “Early Recordings” (Vinyl On Demand) – Diese Aufnahmen stammen fast alle von 1981 (das Gros vom
“Meisterwerk”-Tape und der
“Faux Pas”-LP), sie stehen im hörbaren Zusammenhang mit Historie und Soundkültür der Berliner Dilletanten dieser Tage, die fast alle auch auf dem
“Berlin Super 80”-Sampler (Monitorpop) zu finden sind.
“Schlag Mir Den Kopf Ab” heißt so ein Sprung-Aus-Den-Wolken-Einsfünfundvierzig-Instrumental, Geräuschmaschine kaputt, Neubauten links überholt.
“Tanzen, Stampfen, Laufen”: ein bisschen Programm für diese Sammlung, die die Band aus Berlin zwischen Fragment, Tribal Hardcore und Nachtarbeit am Moloch Noise positioniert. Vinyl-Ereignis vom Vinyl-Label mit den derzeit besten Haltungsnoten – aber nur für Freunde aller Freikirchen.
Geisterfahrer “79 Bis 89” (Onomato Pop) – Der Ruff. Das ist der Michael Ruff, der die Go-Betweens in den 80ern mal zur besten Band der Welt erklärte, und für den Bruchteil eines Songs sind die Go-Betweens heute noch die Besten. Ruff gehörte zu meinen Lieblingsautoren der Sounds- und frühen Spex-Ära, und wenn so einer eine Band hatte, schrumpfte die Pop-Welt auf einen halben Meter zwischen denen und uns. The Flying Klassenfeind (u. a. mit den Diederichsens, Jörg Gülden und Michael Ruff) war mehr ein Gimmick der Sounds-Redakteure, die Geisterfahrer aber waren was Richtiges, ihre Songs drehten sich um eine dunkle, psychotische Idee von Punkrock (wenn Punkrock nicht immer schon der Pflege der Psychosen diente), die sich erst von den Anglo-Amerikanismen entfernte und sie schließlich wieder einholte. Underground-Rock. “17 Jahre” von 82 klingt in der Nachschau wie ein verlorener Song der frühen Fehlfarben. Trotzdem, der Ruff.
Pyrolator “Wunderland” (Ata Tak) – Hund, Hahn, Schwein, Giraffe – alle Tiere sind schon da. Auf dem Cover und auf der Platte. Der Pyrolator war 1983 nach New York gereist und hatte sich mit dem Mikrofon im Zoo vergraben. Die Platte ist so wenig NDW wie Wir Sind Helden Neues Deutschland. Sie braucht im Gegensatz zum neuen Popwunderding aber weder Schlagzeug noch Texte. Was die lustige Elektronik zu einer Art Soundtrack macht, zusammengesteckt mit den Mitteln der Brontologik (file under: Rock’n’Pop Museum Gronau). Die Japaner haben “Wunderland” natürlich schon vor 16 Jahren wiederveröffentlicht.
S.Y.P.H. “Wieleicht” (Ata Tak) – Aus den Poren dieser Musik steigt die Poesie des Harry Rag in den Grauschleier über der Stadt, den seit “Monarchie Und Alltag” niemand mehr weggewaschen hat. Das Doppel-Album zum Verschwinden einer Epoche, 1985 war die NDW lang gestorben, das soziale Gewissen des Rock meldete wieder Regierungsverantwortung an. Hier gibt’s Schizo-Punk, Skizzenhaftes und Teuto-Funk, den die Neubauten vielleicht 2005 noch nicht spielen können. Wieleicht das damals war. “Jeden Abend, jede Nacht, schnapp dir einen Wagen und fang an zu jagen.”
Diverse “The Bunny Lee Rocksteady Years” (Moll-Selekta / Indigo) – Rocksteady war die Entdeckung der Melodie in der Bassline, die Phase des slow down nach dem nackten Ska-Wahnsinn. Und Bunny Lee produzierte jeden zweiten Rocksteady-Hit zwischen 66 und 68. Die Hits der Soul-Sänger dieser Tage wurden sofort jamaikanisch eingebasst, die besten Sänger hatten sie sowieso (Dawn Penn, Ken Parker, Alton Ellis, Slim Smith). Der unglaubliche Owen Gray erlöst mit seinem kurzen Flehgesang (“Come Back To Me”) die Geister der toten Soul Searcher.
Diverse “The Sexual Life Of The Savages – Underground Post-Punk In Sao Paulo / Brazil” (Soul Jazz) & Diverse “Nao Wave – Brazilian Post-Punk 1983-1988” (Man Recordings) – Zu Beginn der 80er-Jahre, daran erinnert Detlef Diederichsen noch einmal im Zusammenhang mit der vierten Ausgabe der Sampler-Serie “A Trip To Brazil”, war brasilianische Musik in Deutschland einfach nicht existent. Wenn Gilberto Gil und Chico Buarque schon den Status von Geheimtipps hatten, was war dann brasilianischer Post-Punk? Undenkbar, lächerlich. Warum sich gerade jetzt zwei Zusammenstellungen mit einigen Überschneidungen der anglo-amerikanischen Einflüsse auf den neuen brasilianischen Rock der 80er widmen, bleibt so geheim wie das Leben dieser schwarzen Blüten im Dschungel der MPB-Idiosynkrasien. Die transatlantischen Echos von Gang Of Four, New Order, Smiths und der Pop Group sind über weite Strecken beider CDs zu vernehmen. Manchmal in Form von Überzüchtungen, die eines schlimmen Tages auch immer im Metal oder im Katholizismus enden können, hier und da im aufrichtig schönen Song – der lilafarbene Folk von Chance, die Young-Marble-Giants-Gedächtnisarbeit von Fellini. Ein Extraplatz gehört der All-Girl-Group As Mercenarias, danke für eine Minute “Policia”. Andere Songs dokumentieren kulturelle Verformungen, hilflose Amalgamierungen, in denen 30 Jahre “Grand Prix”-Leiden kumulieren.
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