BEWERTEN
 

Kelly Osbourne

»Sleeping In The Nothing«

[Sanctuary / Rough Trade / VÖ 13.6. / VÖ: 14.07.2006 ]

Text: linus volkmann, linus volkmann

&
Scout Niblett
Kidnapped By Neptune
Beggars / Indigo

Das sei gleich gesagt: Stilistisch eint diese beiden Alben nicht annähernd genug, um durch eine Doppelbesprechung zu tragen. Der Faden, an dem die Perlen der Plattenbetrachtungen nun Stück für Stück aufgereiht werden, ist trotzdem stabil. Denn der Link zwischen den Alben ist ganz einfach, dass es sich hier um zwei ungeheuerliche Meisterinnenwerke handelt, die beide Gefahr laufen, verkannt zu werden bzw. im ewig rauen VÖ-Meer unterzugehen. Kelly Osbourne ist dabei natürlich Kandidatin fürs Verkennen. Denn zu ihr besitzt bereits jeder eine gut gefüllte Meinungsbox - und außer Trash, Drogen, Fake und Scheißdreck möchte sicher kaum einer was als Kommentar zu Kelly gelten lassen.

Deshalb sei mit Engelszungen erbeten, diesem Album seine Chance zu geben. So obszön es im Alles-soll-so-tun-als-wäre-es-echt-Business auch sein mag, dass sie komplett übergangslos nach dem rotzigen und vitalen MTV-Punk ihres Debüts \"Changes\" nun Eighties-behauchten Elektro-Pop macht. Aber warum sollte das nicht zulässig sein? \"I Want A Famous Face\" heißt eine bekannte Sendung, die nichts anderes preist als die Pflicht, sich verändern zu müssen. Kelly hat ihr famous face schon und jetzt auch noch ein Album to be famous. Linda Perry hat sie als Produzentin und beim Songwriting maßgeblich unterstützt und sich dabei nicht weniger als selbst übertroffen. Kellys Stimme säuselt markant, erinnert im Opener \"One Word\" auch durch die Führung der Synthies an den Visage-Klassiker \"Voyage Voyage\". Ein paar Songs weiter winken Kelly und Linda dann ganz nonchalant dem Debüt zu. Dessen erste Single (nach der in Amerika auch die ganze Platte hieß) trug den Titel \"Shut Up\" und geiferte so Prägnantes wie \"round and round in a conversation / Always ends where it began\". Auf \"Sleeping In The Nothing\" hört man nun ganz smooth, aber nicht weniger scharf \"stop wasting another minute of my precious time\". Einige Songs erinnern überraschend an den Pop, den Air mit \"Moon Safari\" so nachdrücklich in die Geschichte eingehen ließen, und alle zehn Songs besitzen einen hohen Wiedererkennungswert bar jeder Anbiederei. Also, lassen Sie sich bloß nicht von Ihrer öden Zwangsopposition gegen erfolgreiche und kenntliche Fernseh-Gesichter abschrecken.

Für Scouts Platte gelten dagegen andere Schwellen, die es zu nehmen gilt. Dilemma: Kennt kaum einer - abseits von Indie-Profis. Das muss natürlich ein Ende finden. Hypersensible Gitarrenmusik, verlassen, verzweifelt - nicht unähnlich dem Werk Bonnie \"Prince\" Billys. Doch wo der in den dunklen Wald geht, rennt Scout immer mal wieder mit dem Kopf voll gegen einen Baumstamm. Ganz bezeichnend dafür der dritte Song, \"Pompons\". Fast bewegungslos schleicht sich Scout, nur von einem gnadenlos schleppenden Schlagzeug begleitet, durch die ersten drei Minuten, um dann plötzlich, wenn man schon auf das Ende, das Fade-away wartet, brüllend auszubrechen, mit einem Fuß auf dem Verzerrer und einem Gitarrenriff, das Shellac in seiner trockenen Gewalt alle Ehre machen würde. Kein Wunder, ist ja auch Shellacs Steve Albini in die Produktion involviert gewesen. \"Kidnapped By Neptune\" ist immer schon ein wenig 90s-Revival, ein wenig Besuchszeit bei Grunge, aber weitaus angemessener als zum Beispiel bei der neuen Mary Timony, wo diese Art des Rock eher ins Leere geht. Kelly und Scout legen hier ungeheuerliche Werke vor, an denen man nicht vorbei sollte, wenn man noch ganz klar im Kopf ist. Aber das erwähnte ich ja eingangs bereits.



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