BEWERTEN
 

Lee Buddah

»Frühjahrschronik«

[The A-Label / Rough Trade / VÖ: 30.05.2005 ]

Text: Alexander Lazarek, Alexander Lazarek

\"Be young, be foolish, be happy\", forderten 1968 The Tams, und Lee Buddah antwortet frech mit \"wir waren jung, wir waren dumm, aber glücklich\" und jeder Menge Beach-Boys-Samples. Sein drittes Album handelt von Andy und Julia, ihrer Liebe und der Zeit danach und ist nach seinen Soundtracks für \"Nichts Bereuen\", \"Verschwende Deine Jugend\" und \"Kammerflimmern\" quasi ein Soundtrack ohne Film. Überraschenderweise fehlen jegliche Hinweise auf Setting, Alter und Lebensumstände von Andy und Julia - aber dadurch gelingt Lee Buddah das Kunststück, eine universelle Geschichte über Trennung, Krise und Weitermachen zu erzählen, eine Art Coming-of-age-Movie für alle Altersstufen.

Dabei streift \"Frühjahrschronik\" Disco (mitsamt treibenden Streichern und \"Gib nicht auf!\"-Chören), Country und die Beach Boys, ist jedoch über weite Strecken einfach eine unglaublich zurückgelehnte Singer/Songwriterplatte mit Akustikgitarre unterm Arm und funky Begleitung von Erobique und Jelly Planet. Der Sprechgesang der früheren Platten ist vollends verschwunden, und als einziger HipHop-Rest bleibt - neben Sampling - diese spezielle Lockerheit, mit der die schweren Themen spielerisch durchstreift werden und die \"Frühjahrschronik\" davor rettet, in jener Schwermut zu versinken, die viele deutschsprachige Platten prägt. Die Reflexionen über \"lieben, leben, leichtsinnig sein\", \"Landflucht\" und \"Bereuen\" klingen hier immer so entspannt, als würde Andy gerade aus der Krise barfuß in den Morgenwind tänzeln. In Lee Buddahs \"poetisch-existenziellem Realismus\" sind die weißen Tauben eben nicht müde, sondern freundliche Möwen, und \"jeder, der nur will, kann jung und wild sein\". Am Ende bleibt die Geschichte von Andy und Julia offen, und die abgespeckte Version von \"3 Wünsche\" (Daniel Brühl stolperte dazu schon gegen Ende von \"Nichts Bereuen\" in den Morgen) verweigert Antworten auf die \"Wie weiter?\"-Fragen. Das ist nur logisch, schließlich ist \"Frühjahrschronik\" kein öder Lehrfilm, sondern der gute Freund, der schon im ersten Song flüstert, was wir sein sollten: \"Ein Sommer, der nicht enden will.\" Ganz große Platte, klar!

Und hier noch drei Fragen an den Verantwortlichen:

Sprechgesang ade - wie stehst du zur Entwicklung im deutschen HipHop? Sind all die Diss-Geschichten noch deine Welt?
HipHop war für mich als Initialzündung das, was für andere vielleicht Punkmusik war. Mach es selbst, geh raus und zeig dich. Ohne HipHop würde ich heute keine Platten und Filmmusik machen. Zur Entwicklung des deutschen HipHop kann ich nicht viel sagen, da ich sie seit längerem nicht mehr verfolge. Von dem, was mir an HipHop gefällt, finde ich da jedenfalls wenig wieder. Ich habe nichts gegen Dissen, ich höre nur ungern schlechte Musik.

Du hast die Soundtracks für \"Kammerflimmern\", \"Nichts Bereuen\" und \"Verschwende Deine Jugend\" gemacht und bringst jetzt mit \"Frühjahrschronik\" eine Art Soundtrack ohne Film raus. Wie hat dich die Arbeit an den Filmen beeinflusst?
Bei \"Nichts Bereuen\" hat mich die Erzählweise des Films sehr beeindruckt und so auch textlich ganz unmittelbar beeinflusst. \"Verschwende Deine Jugend\" war ein großer Spaß, weil ich mir die Identität und den Sound fiktiver Bands aus dem Jahr 1981 ausdenken musste und so für mich vorher weitgehend unbekannte Musik in verschiedenen Stilrichtungen ausprobieren konnte. \"Kammerflimmern\" war eine tolle Erfahrung, allein schon wegen der Zusammenarbeit mit dem Regisseur Hendrik Hölzemannn und Blackmail. Die Filmmusik hat sicher zu dem Versuch beigetragen, mit \"Frühjahrschronik\" ein Album zu machen, das eine zusammenhängende Geschichte erzählt.

Wie geht der Film \"Lee Buddah\" weiter, jetzt, wo deine Soundtrack-Songs auf einem Album gesammelt und in eine Handlung eingebunden sind?
Ich bin vor kurzem von Dortmund nach Berlin umgezogen und freue mich sehr darauf, wieder Konzerte zu spielen und neue Songs in Angriff zu nehmen. Ansonsten schreibe ich gerade mit Benjamin Quabeck (Regisseur von \"Nichts Bereuen\" und \"Verschwende Deine Jugend\") ein mehrteiliges Hörspiel für den WDR, zu dem ich auch die Musik komponieren werde.



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aus Intro #128 (Juni 2005)
 
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