BEWERTEN
 

Wir Sind Helden

»Von Hier An Blind«

[Labels / Emi / VÖ: 01.04.2005 ]

Text: linus volkmann, linus volkmann
[7 Kommentare]

Der gegenwärtige Kumpelkult um deutschsprachigen Pop und all die mitgelieferte Neo-Goldgräberstimmung hyperventiliert bereits bedrohlich. Wer will es ihm auch verdenken? Schließlich sieht er sich angefeuert durch seinen eigenen Saft, in dem er kocht – also durch Echos oder durch „Bundesvisionen“. Die künstliche Bedarfsschaffung und das zu erwartende Überangebot lassen die nächsten Monate, das ganze Jahr dabei ziemlich spannend erscheinen. Denn über all der momentanen Entwicklung hängt unheilsahnend die Historie der NDW. Die damalige (Anfang der 80er) Übererfüllung der Deutschquote seitens Plattenfirmen und Medien führte eine denkwürdige Übersättigung herbei – Songs und Künstler dieser Façon mussten infolgedessen den ganz langen Marsch durch die Wüste gehen.

Jahre. Lang. Hatte keiner Bock mehr drauf. Und erst über den Umweg über Hamburg (und die regelmäßigen Nena-Revivals) nun vollzog sich die Rehabilitierung deutscher Texte auch im Pop-Mainstream. Aber Letzterem ist ja bekanntlich nicht zu trauen – und die Frage, ob jener Sound dort nicht wieder zwischen professioneller Gier und Entsetzlichkeit zerrieben wird, steht zumindest im Raum. Bang schauen daher alle auf Wir Sind Helden, die mit ihrem Brückenschlag zwischen Indie und Masse nicht gerade wenig Bürde um den Hals gehängt bekommen. Aber würde man sagen, Wir Sind Helden sind in dieser Szenerie der große Konsens für Jung, Alt und Deutsch, der unterschätzte die immer noch intakten Reflexe des Indietums. Auf intro.de wurde im Vorfeld dieser Platte so viel Ikonoklasmus betrieben, dass man sich ernsthaft fragen musste, ob es nicht dissidenter gewesen wäre, einfach einen positiven Kommentar zur Band zu posten. Ihr aufklärerisches Bemühen wird – verkürzt gesagt – als entweder überkommen oder als längst nicht weit genug gehend gewertet. Wohlgemerkt in ausgewiesenen Nerd-Fachkreisen, im Mainstream gibt es nur Einwände, wenn die Verwertbarkeit nicht stimmt – und die stimmt ja. Also werden die großen Zahlen der Band sowieso Recht geben, aber hier sei sich mal um die kleinen gekümmert. Und gepostet auf dieser nicht-virtuellen Website des Intros, wie schön, ergreifend und vor allem ehrenwert dieses Album ist. Höchstens die erste Single scheint in dem Swing-Mantel und in der textlichen Fleckwerdung inhaltlich arglos und ästhetisch etwas überreizt. Dann hört’s aber auch schon auf. Dann hört man nur noch Singles, wie wir beim Marketing-Meeting von Labels immer sagen. Unfassbar schön – und das ist noch untertrieben – ist zum Beispiel „Darf Ich Das Behalten“. So traurige Liebeslieder, ohne viel Worte – so verletzlich sein und trotzdem aus eigener Kraft aufstehen und stehen bleiben. Ähnlich viel Berührendes findet sich auch in „Wütend Genug“ oder „Von Hier An Blind“ oder in dem mit dem Elefant. In „Bist Du Nicht Müde“ geht der brüchige Refrain: „Gib mir das, ich kann es halten“ – geben, halten, können: durch den häufigen Gebrauch sind das ganz runde Wörter in der Sprache geworden, die vielen Textenden sicher zu wenig Einzigartigkeit bergen würden, die aber hier so hell strahlen wie sonst nur einst in „Wir Sind Hier Nicht In Seattle, Dirk“ das Krachen, Lachen und Machen. So schöne Lieder über Liebe, Schwäche, Stärke und Herzlichkeit hört man wirklich selten und dennoch unheimlich gern. Aber okay, es handelt sich ja um Wir Sind Helden, die müssen im Gegensatz zu all dem radebrechenden Blödsinn, der sonst aus allen Kanälen schon für einen frechen Dreiklang und eine erträgliche Zeile abgekultet wird, auch noch ein politisches Manifest in ihr Album gepresst haben. Aber kommt uns nicht mit dem Godesberger Programm, 95 Thesen oder einem Fünf-Jahres-Plan an – da muss schon mehr drin sein. Quatsch. Der eigentliche Skandal ist doch, dass neben zwölf tollen Pop-Songs (exklusive der ersten Single) auch tatsächlich noch Haltung vertreten wird. Und diese in jene Zusammenhänge zu tragen, in denen Wir Sind Helden auftauchen, das wiegt doch Zentner. Sicher, der Erzählansatz der Text-Geschichten ist immer ein privater – und wenn Judith Holofernes in „Zuhälter“ beschreibt, dass das Musik-Biz, das sie ja mit am Laufen halten, „das kälteste Gewerbe der Welt“ sei, ist diese Kritik eindeutig realo und nicht fundi. Bestimmt hätten Wir Sind Helden auch lieber Jutta Ditfurth statt Joschka Fischer als Außenministerin – aber real ist eben nur realo. Und auch dabei hat diese Platte noch Erstaunliches zu bieten: „Zieh Dir Was An“ handelt explizit von dem unsittlichen Antrag, den jede junge Frau in der Öffentlichkeit gestellt bekommt. Herren-Hochglanz-Magazine honorieren die Leistungen der Frauen auf ihre ganz eigene Art, indem sie an sie herantreten und sagen: „Super, Mädchen. Wir nehmen dich wahr – und jetzt runter mit dem Fetzen!“ Heraus kommen Playboy-Ausgaben mit nackten Sportler-, Sänger- und Schauspielerinnen und der ewig gleichen elenden Beteuerung, „die Eltern hätten es aber sehr ästhetisch gefunden“ – und Papa hat es sich stolz und geifernd in seinen Spind gehängt (gut, Letzteres wird natürlich ausgespart). Das Feigenblatt-Argument, durch solches Entblößen leiste die Frau einen emanzipatorischen Akt, wird im Song konkret ins Reich des Selbstbetrugs geschickt: „Zu glauben, um den Rest der Welt zu befreien / Müsste man nackig nach der Reitpeitsche schreien.“ Ohne es zu wissen, kann davon ausgegangen werden: Judith musste bezüglich solcher Offerten einiges ablehnen. Ihr Song argumentiert dabei auch nicht entsolidarisierend gegenüber den Frauen, die diesem Unding von Aufforderung Folge leisten. So wechselte sie beflissen das Thema, als die Sache bei Sarah Kuttner in der Show aufkam – denn jene ist ja im Nachhinein sowieso nicht glücklich über ihre Playboy-Erfahrung. „Zieh Dir Was An“ ist bei Judith eben ein Statement, das sagt, man müsse sich doch wenigstens fragen, ob man bei dieser Machtausübung über den öffentlichen Frauenkörper wirklich auch persönlich dabei sein muss. Wenn solche Songs nicht über den Tellerrand des Status quo hinausschauen, der ja gerade im Bereich Deutsch-Pop so immens alles umspült, dann weiß ich auch nicht weiter. So, und als Fazit bleibt letztlich auch nichts weiter als das, was ohnehin schon mittendrin irgendwo stand: schön, ergreifend und ehrenwert.



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  • sputniker 08.05.2005 | 15:12:48

    danke für diese Kritik.
    Ganz groß!

  • vomdreier 08.05.2005 | 15:21:47

    jepp, fand ich auch.

  • User: rekniz
  • rekniz 08.05.2005 | 19:09:17

    haagawagga super kritik ey!

  • User: peterbourbon
  • peterbourbon 08.05.2005 | 19:12:00

    Klasse Kritik.
    Auch von mir ein Danke!

  • loppomate 08.05.2005 | 21:26:58
    Never ever land
    darf ich das behalten ist ja einer DER songs der songs.

  • User: grrr
  • grrr 09.05.2005 | 05:07:46
    Les Ÿper Sound / Fanklub / Sil
    auch mal was positives schreiben:
    isch bin nackt, na und? ich werd
    mal die tiger tunes am freitag
    fragen, ob sie während der tour
    wenigstens ihre unterkunft von
    den helden bezahlt bekamen...

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