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Fettes Brot

»Am Wasser Gebaut«

[Fettes Brot Schallplatten / Indigo / VÖ 21.3. / VÖ: 21.03.2005 ]

Text: Bernd Seidel / Sebastian Ingenhoff, Bernd Seidel / Sebastian Ingenhoff

Für
Fettes Brot – gut oder schlecht? Schwer zu sagen. Ihre epische Deutsch-HipHop-Vergangenheit besaß schon ganz respektable Momente, und die drei Jungs wirkten immer realistisch, bürgerlich und freundlich. Dennoch unterm Strich: zu viel Klamauk, zu freundlich, zu bürgerlich. Dem Mittelstandsbetrieb Fettes Brot fehlte neben dem einen oder anderen guten Witz die wirkliche Brillanz. Bis dann zur letzten Platte mit ›Schwule Mädchen‹ ihre ganz klar größte Single erschien – und das zu einer Zeit, als das Genre HipHop sich eigentlich gerade auch im Mainstream aufmachte, seine weißen Reihenhaus-Rapper gegen die Asso-Tough-Guys aus dem Ghetto auszutauschen.

Kool Savas unterschrieb bei Bertelsmann – der Generationenwechsel, der sich mit dem Aggroberlin-Ding des letzten Jahres nun komplett vollzogen hat, nahm seinen Lauf. All die drolligen HipHopper wie Schnabel, Tefla oder Jaleel verloren ihre Deals und die Kids das Interesse, und auch große Acts wie Fünf Sterne sahen von einstigen Platzhirsch-Rollen kaum noch was. Trumpf war es eher, andere als schwul zu outen oder als »du bist bloß eine Frau mit Schwanz«. In dieser Agonie lief trotzig ›Schwule Mädchen‹ (im Video mit den Parole-Trixi-Girls Sandra und Cordula), der Abgesang auf den WimpHop. Die stolze Selbstdeklaration als eben nicht der harte Gangster. Das sehe ich als größte Leistung der Band an, die jetzt auf der neuen Platte verständlicherweise damit beschäftigt ist, keine outdatete HipHop-Band mehr zu sein. Sondern halt so die eigene Popmarke Fettes Brot. Ein Umstand, der ja auch gelang, wie ihre Teilnahme an dem Bundesvision-Song-Contest bewies. Dort kamen sie auf Platz zwei. Da sahen andere eigene Popmarken weit schlechter aus. Sogar der eigentlich unkündbare Samy Deluxe. Aber was soll die Häme, dass man die Player von einst nun alle zugunsten von Bushido und Sido stürzen sehen will? Passiert ja ohnehin schon. Zu Fettes Brot vielleicht noch: ›Emanuela‹ besitzt wieder wie ihr lumpiges ›Jein‹ einen Hang zum Mariachi und unterstreicht den bandeigenen Gebrüder-Blattschuss-Appeal. Dennoch bzw. leider ein Ohrwurm, vielleicht reicht das ja. Ein, zwei ähnliche Semi-Gaga-Hits finden sich auf der langen Strecken. Fettes Brot – gut oder schlecht? Schlecht mit guten Momenten und vor allem mit dem unerreichten ›Schwule Mädchen‹.

Wider
Fettes Brot sind wieder da. Ein Shuffle, konzertiertes Gebrüll und dazu tönen Bläser. Die erste Singleauskopplung ›Emanuela‹ zeigt auf, dass man noch jeden Paarungstanz mit einer wundersam karnevalesk aufgepeppten Pro7-Witzästhetik begehen kann. Die HH-Hirsche sind bis zum Rand voll gepumpt mit Gelee und brunftschreien mit Stefan Raab um die Wette. »Doch ihre einzige Berührung bleibt ein kurzer Abschiedskuss ...« Dem textlich schön klischierten Latina-Mädchen, das in dem Video zur verkühlten hanseatischen Grazie umgemodelt wird, haftet wohl ein Zauber an. Aber muss man deswegen gleich um sie herumscharwenzeln wie ein viagrarisiertes Karnickel? Die schöne Frau als die Büchse der Pandora, an der die sich einst als aufrührerische Rasselbande gerierende Drei-???-Adaption die Finger verbrennt? Man kommt sich vor wie in der Hafenkneipe zur Stoßzeit. Komm Alter, noch ‘n Pils und ‘n Kurzen, aber lass die Finger von Emanuela. Dabei wurden doch noch vor nicht allzu langer Zeit die schwulen Mädchen besungen. Fettes Brot als das dritte Geschlecht in der phallokratischen HipHop-Community, lachte Sido. Stattdessen gibt es auf ›Am Wasser Gebaut‹ sinnentleerte Raps, die einst ingeniös inszenierte Methode der freien Assoziation verpufft und wird zur bloßen Farce, das bleibt das einzige Leitmotiv des Albums. Auch musikalisch wirkt das Ganze unaufgeregt und weitestgehend groovelos, es gibt keinen einzigen Track, der auch nur annähernd den Flow von ›Können Diese Augen Lügen‹, ›The Großer‹ oder ›Definition Von Fett‹ besitzt. ›Am Wasser Gebaut‹ ist ein mediokres Deutschrap-Album, an den hehren Ansprüchen der drei ziemlich trocken vorbeigebaut. Eine der ehemals genialsten deutschen HipHop-Crews, die einst noch jeden Schnöselrapper zum bloßen Jubelperser degradierte, erhält dieser Tage scheinbar selbst ihren Platz im Wachsfigurenkabinett der Jubelperser, nämlich bei Stefan Raab, in dessen Band-Bundesliga sie gerade um die UI-Cup-Plätze mitspielen. Schade. Etwas mehr hätte man sich irgendwie schon erhofft von den eigentlich ziemlich sympathischen Norddeutschen. Aber vielleicht sind sie dafür dauerhaft dann doch einfach zu heterosexuell.



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