BEWERTEN
 

The Kills

»No Wow«

[Domino / Rough Trade / VÖ: 21.02.2005 ]

Text: Sebastian Ingenhoff, Sebastian Ingenhoff

Eine Band, deren Mitglieder sich ernsthaft mit den Aliassen VV und Hotel schmücken, möchte man dafür vielleicht mal zehn Minuten in den Arsch treten oder in den Arm nehmen oder umgekehrt? Aber das Mädchen VV und der Junge Hotel werden ja seit Jahren über ihre Jugend kommuniziert - und in jungen Jahren haftet den Menschen die persönliche Hybris noch an wie einst Lou Reed der Kajalstift. The Kills sind dabei mindestens so jung wie Conor Oberst und Adam Green zusammen. Also mitunter schon über 30 und haben daher ein Recht auf bisschen Altklugheit. Wobei Altklug-Sein in Verbindung mit Rockmusik doch eigentlich eher anachronistisch anmutet.

Rockmusik im neuen Jahrtausend, da gehört es sich ja eigentlich, den ganzen Körper reinzulegen. Da müssen alle Eindrücke, die der Körper draußen aufschnüffelt und einsammelt, in der Musik mitpfeffern, von der Garageparty, auf der man gestern war, bis hin zu dem Autounfall, dem man vorhin beigesessen hat. Rockmusik muss die Welt verdichten und ihr zugleich das Entnommene gefiltert wieder zurückgeben. Aber altklug auf der Bühne gammeln und gelangweilt die Gitarre zupfen? Das klingt ziemlich altmodisch, so nach 2002. In 2002, da gab es noch viele solche altmodische Musik. Angefangene Twens zitierten großmäulig Burt Bacharach, trugen die aufgetragenen Cordanzüge des Großvaters weiter auf und verkauften das dann als ihre Version von Punk. Die Kills aus England gehörten zweifelsohne dazu. In Interviews gaben sie an, den Blues der Dreißigerjahre weiter auftragen zu wollen. Und Velvet Underground, die liebten sie auch. Dabei war die ursprünglich aus den USA stammende Sängerin VV doch ehemals so ungestüm. Mit ihrer damaligen College-Band brachte sie ein Album heraus, das nur aus Billy-Bragg-Coverversionen bestand. Dann wurde sie altklug. Fairerweise muss man sagen, dass die Kills im Vergleich zu ähnlich agierenden Kollegen noch immer eine der interessanteren Bands waren, weil sie neben ihren Blues-Alben auch immer einen großen Topf mit guten Drogen neben dem Nachttisch stehen hatten und in ihrer Herangehensweise mehr dem aufgerüttelten Jon Spencer als den stoischen Strokes ähnelten. Nach ›Keep On The Mean Side‹ erscheint nun das zweite Album ›No Wow‹. Neben dem Blues der Dreißigerjahre bedient man sich jetzt auch bei neumodischerer Musik, so erinnert das zweite Stück ›Love Is A Deserter‹ zum Beispiel ziemlich stark an Postal Service. Ob des perkussiven Einheitsgescheppers, das ertönt, könnte man meinen, jemand habe hier eine abgehalfterte Drummachine eingeschaltet, wüsste man nicht, dass hier wirklich einer am Schlagzeug sitzt, der sich Hotel nennt. Das zweite Album ist ein etwas verschärfter, mit ähnlichen Ingredienzen gewürzter Aufguss des ersten, und das ist noch nicht mal böse gemeint. The Kills sind nun mal, tja, man könnte sagen, in gewisser Hinsicht etwas altmodisch. Aber der Körper, der steckt in ihrer Musik schon irgendwie immer mit drin, auch wenn er vorzugsweise Cordanzüge trägt.



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