BEWERTEN
 

Ex und Hop

»Mit Uwe Buschmann«

Text: Uwe Buschmann, Uwe Buschmann

Venetian Snares ›Huge Chrome Cylinder Box Unfolding‹ (Planet µ / Rough Trade)
Im Vergleich zum ›Chocolate Wheelchair‹-Album, das sich bekanntlich in einem geradezu rekordverdächtig bekloppten Break&Sample-Chaos weidete, zeichnet sich das neue Snares-Opus durch eine beinahe akademische Formstrenge aus. Doch selbst dieser hyperdigitale Kernphysiker-Core ist nicht vor gelegentlichen Hysterieausbrüchen gefeit. Hier ist fürwahr ein auteur am Werke.

Diverse ›Amµnition‹ (Planet µ / Rough Trade)
No kidding: Selten war eine Mix-CD zwingender und weniger redundant als dieser geile 80-Minüter aus dem Hause µ, gemixt von Superintendent Mike Paradinas personally.

Grundsätzlich ist dieses jedem Dance-Mix-Trittbrettfahrer ins korrupte Antlitz rotzende Mammutwerk in vier Kapitel unterteilt: Es eröffnet die sensationell abgefahrene Venetian-Snares-Strecke, die selbst Menschen mit geringer Konzentrationsspanne die Synapsen durchrocken dürfte; dann die Überleitung in den richtigen D’n’B mit Remarc, gefolgt von einer veritablen Grime-Schleim-Orgie (= heaviester Avant-Break-Wissenschaft) inkl. Shitmat, aber auch den Neuzugängen Hawerchuk und (dem großen alten Mann des Amen-Armageddons) Bizzy B; erst zum Ende hin gibt’s noch ein bisschen melloweres Material von z. B. Lexaunculpt und Ambulance sowie die Chill-far-out-Apotheose in Form neuer Gasman-Tracks. Ein »essential mix«, wenn es je einen gab.

Roy Ayers ›Mahogany Vibe‹ (BBE / Rapster)
Für Leute, die glauben, dass die wirklich coole Musik nur von irgendwelchen Jungspunden in bunten Mützenmodellen abgeliefert wird, hier und jetzt das neue Album von Soul/Jazz-Veteran Roy Ayers, dem »funkiesten« Vibraphon der Welt. Mit neuen und re-interpretierten alten Songs. Mit dabei Erykah Badu, Kamilah, Betty Wright und John Pressley.

Brand Nubian ›Fire In The Hole‹ (CNR / Rough Trade)
Jeder, der sich wirklich HipHop-technisch auskennt, wird das Debüt-Album von Brand Nubian, ›All For One‹ (1990), locker in die All-Time-Favourites-Top-10 voten. Leider splittete man anschließend, und außer den Solo-Alben von Grand Puba reichte nichts mehr an diese Hochleistung heran. Jetzt also die Reunion. Herausgekommen ist ein gutes HipHop-Album, das aber die alten Schulzeiten nicht mehr richtig aufleben lässt. Dafür ist vermutlich schon zu viel Wasser unter der Brooklyn-Bridge hindurchgeflossen. Bisschen Träne-im-Knopfloch-Feeling.

Rob Sonic ›Telicatessen‹ (Def Jux / Pias / Rough Trade)
Willkommen im Diner von Rob Sonic. Auf der Menü-Karte von heute steht: Ruff’n’Raw. Also kein HipHop für den 08/15-Charts-Fastfood-Fresser. Der wird sich allein schon an den derben Beats verschlucken. Dabei hat Rob Sonic die unwiderstehliche Power des Galaktischen. Bewunderungswürdig.

Tatwaffe ›Volltreffer‹ (No Limits / Four)
Dass auch im HipHop die Kommunikation manchmal am besten über Beats funktioniert, zeigt sich gerade in einer deutschen Rap-Saison wie dieser. Rap-Urgestein Tatwaffe schafft es auf seinem Debüt-Album Gott sei Dank, auch mit seinen Lyrics zu überzeugen. Komplexe Gedankengänge, die sich zum Glück meilenweit vom gerade grassierenden Ghetto-, Money- & Bitches-Quatsch entfernt halten. Die dopen Beats stammen von Fader Gladiator, DJ Rob und anderen Verdächtigen. Jesen ›Alles Hits‹ (KillBiff) – Schön, wenn man als Kölner mal wieder einen Düsseldorfer vor die Kritiker-Flinte bekommt. Aber im Ernst: Der Düsseldorfer Jesen ist der Gewinner des ersten Mixery Raw Deluxe Freestyle Battles von Viva. Sein Solo-Debüt überzeugt mit der richtigen Portion Selbstironie und der unverbrauchten Beat-Energie des unbeugsamen Untergrunds.

Mark One ›One Way‹ (Planet µ / Rough Trade)
Wir können auch anders. Diesmal weg von der reinen D’n’B-Lehre und hin zum HipHop. Jawohl, hier gibt’s echten Rap und slowe Beats aus der Electro-Ecke. Hat dabei definitiv mehr Straßenhaftung als Dizzee Rascal und Konsorten. Shitmat ›Full English Breakfast‹ (Planet µ / Rough Trade) – Jeder, der schon mal in England ein Frühstück eingenommen hat, weiß, wie es ist: derb und heftig. Phatt galore, bis sich der Magen schon vor zehn Uhr umgedreht hat und nach Hause will. So geht es auch hier zu: Turbo-D’n’B und Sample-Overkill inkl. Dancehall- & Musical-Einlagen. Eigentlich schon eher Hörspiele als Songs. Muss man gehört haben, um es wirklich zu glauben.



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aus Intro #121 (Oktober 2004)
 
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